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     Warten auf Gerechtigkeit
 


Evangelische Morgenfeier an Totensonntag, 24.1..02, auf SWR1

I.

"Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt." So steht es im Text aus dem Neuen Testament, über den heute am Totensonntag in den evangelischen Kirchen gepredigt werden soll.

Auf was warten Menschen? Die Antwort wird zunächst so vielgestaltig ausfallen wie die Situationen, in denen sie leben: Menschen warten auf das nächste Gehalt, auf die nächste Arbeitsstelle, auf den dringend nötigen Urlaub, auf die Pensionierung, auf die Rückkehr jener, die sie lieben, auf einen Besuch, auf Weihnachten ... und ... und ... und. Auf irgend etwas warten Menschen immer. Und wenn sie älter, gar alt geworden sind, dann warten sie auf den Tod. Gewiß hält man es nicht lange aus bei dem Gedanken, dass einen einmal bloß noch der Tod erwarten soll. Deshalb schieben ihn viele beiseite. Doch gerade im November und besonders am Totensonntag kriecht dieser Gedanke in die Seele wie das naßkalte Novemberwetter unter den Mantel: Am Ende erwartet uns nur das tatsächliche Ende: Todesanzeige, Leichenhemd, Sarg, Trauerfeier, Grab.

Die Worte aus dem Neuen Testament belassen es nicht bei dieser trüben Aussicht. Vielmehr sprechen sie von einer Hoffnung, die auch im Angesicht des Todes gilt: "Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt."

Die Bibel spricht so davon, dass wir auf dieser alten Erde an einem Mangel an Gerechtigkeit leiden: Die einen leben in Saus und Braus - und die anderen wissen nicht, wovon sie satt werden sollen. Die einen werden geschunden und gefoltert - andere weiden sich am Elend der Gequälten. Die einen verüben terroristische Anschläge - andere werden zu ihren Opfern. Manche werden hundert Jahre alt - andere sterben viel zu jung den Herztod, den Krebstod, den Verkehrstod. Menschen stöhnen darum immer noch über den Mangel an Gerechtigkeit in dieser Welt. Und wenn es uns selbst trifft, dann sagen wir erst recht: "Das darf doch nicht wahr sein!" Der Schock etwa ist groß, wenn ein vertrauter Mensch mitten aus dem Leben gerissen wird. Dann möchten man aufwachen wie aus einem bösen Traum und alles soll nicht gewesen sein, was an Trauer und Tränen die Tage beherrscht.

Allmählich muss man aber begreifen, dass der Mensch, der so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, nicht mehr zurückkommen wird. Gewiß ist es gut, sich dankbar zu erinnern. Dankbarkeit hilft, Wunden zu heilen. Man tut aber erst recht gut daran, die Trauer, den Zorn, den Schmerz und die Ohnmacht über den plötzlichen Verlust nicht einfach bloß für sich zu behalten. Das schnürt nur weiter die Kehle zu. Wenn Menschen aber ihre Trauer über den als ungerecht empfundenen Tod eines geliebten Menschen nicht für sich behalten, werden sie bei anderen ähnliche Erfahrungen feststellen. Solche Erfahrungen verbinden. Und sie ermutigen dazu, weiterhin auf Gerechtigkeit zu hoffen. Nicht nur für die Lebenden, sondern auch für unsere Toten. Wir würden uns ja einfach sonst mit der Ungerechtigkeit abfinden, die ihnen widerfahren ist, wenn wir nicht glauben, dass auch für unsere Toten des Satz gilt: "Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt."


II.


"Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind." So sang einst der Volksschauspieler Willi Millowitsch. Ich glaube nicht, dass wir alle in den Himmel kommen. Jedenfalls nicht in den "neuen Himmel" auf den Lebende und Tote nach Gottes Verheißung hoffen dürfen.

Der berühmte Schweizer Theologe Karl Barth wurde einmal gefragt: "Werden wir im Himmel unsere Lieben wiedersehen?" Seine ironische Anwort: "Ja, aber die anderen auch!" Er wollte damit sagen, dass man sich den Himmel nicht einfach als eine Verlängerung und Fortsetzung unserer Welt vorstellen darf. Das wäre kein "neuer Himmel", sondern bloß ein Spiegel ungerechter irdischer Verhältnisse. Und dann säße der Bescheidene neben dem Bösewicht, die Gütige neben der Gemeinen. Darum gehört nach biblischer Vorstellung zum Himmel das Gericht. Es macht den Himmel neu, in dem Gott bisher oft nur das Unrecht und die Ungerechtigkeit zu hören bekommt, die zum Himmel schreien.

Von einem Richter erwarten wir, dass er gerecht urteilt. Er soll ein Urteil sprechen, das Unrecht sühnt und Gerechtigkeit herstellt. Einen "neuen Himmel" wird es ohne dieses Gericht nicht geben. Manche hören das vielleicht wie ein Drohung. Ich finde allerdings den Gedanken, dass es am Ende aller Tage ein Gericht geben wird, das Menschen nach ihren Werken richtet, eher hilfreich. Natürlich bedeutet das auch, selbst zur Rechenschaft gezogen zu werden. Keiner ist so brav wie er sich gibt. Es bedeutet aber auch, dass andere nach ihren Werken beurteilt und einen gerechten Richter finden werden. Dabei wird es um Recht gehen, nicht um Rache. Doch ohne göttliches Gericht gibt es keine Gerechtigkeit. Ohne Gericht gibt es keinen "neuen Himmel".

Wir Menschen sind ungeduldige Wesen. Deshalb würden wir am liebsten dieses Gericht umgehen und deshalb meinen viele, dass, weil mehr oder minder brav - aber doch eben brav! - gleich alle, alle in den Himmel eingehen. Sie gehen darum davon aus, dass die Verstorbenen oder wenigstens ihre Seelen gleich nach dem Tod in den Himmel kommen. Dieser Gedanke mag trösten. Und er hat darum seinen Wert.

Die Bibel aber, das Neue Testament zumal, ist viel nüchterner. Die Bibel geht davon aus, dass die Toten tot sind. Unser Leben hat einen Anfang und es hat ein Ende. Unsere Seele wandert nicht. Weder nach unserem Ableben in einen anderen hinein, noch gleich in den Himmel. Wenn wir gestorben sind, dann sind wir gewesen. Das ist die harte Realität von der die Bibel ausgeht. Vor dieser harten Realität fliehen Menschen gerne. Islamistische Attentäter meinen gar, sie könnten mit einer speziellen Art von Himmelfahrtskommando, nämlich dadurch, dass sie ihr Leben im Dschihad, im Heiligen Krieg opfern, gleich in den Himmel kommen. Die Bibel macht dagegen deutlich, dass dem nicht so ist. Der Himmel läßt sich nicht erzwingen. Auf ihn kann man nur warten. Doch es lohnt sich. Denn es wird ein "neuer Himmel" sein, in dem die Gerechtigkeit wohnt.

III.

Warten kann schwer fallen. Vielen kommt die Zeit, in der sie auf etwas warten müssen, oft wie eine verlorene, gar wie eine tote Zeit vor. Andere wiederum vertreiben sich beim Warten die Zeit irgendwie, schlagen sie gar, wie man so sagt, tot.

Wenn wir aber nach Gottes Verheißung "auf einen neuen Himmel und eine neue Erde" warten, dann ist von Anfang an unsere Lebenszeit keine verlorene, keine tote Zeit, sondern eine Zeit, die eine Richtung hat und voller Lebendigkeit ist. Denn sie ist auf Gerechtigkeit hin angelegt.

Christen verstehen darum ihre Lebenszeit als Wartezeit zur Vorbereitung auf die Ewigkeit. Sie versuchen mit Zeichen und Taten auf die verheißene Gerechtigkeit hinzuweisen und für möglichst viel Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen. Deshalb schweigen sie nicht, wenn anderen Unrecht geschieht. Sie tun ihren "Mund auf für die Schwachen" - in der Politik, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis. Und sie helfen, wenn sie können - durch den Einsatz für die von Fluten und anderen Katastrophen betroffenen Menschen, oder sie helfen durch Spenden für "Brot für die Welt" und andere Hilfswerke. Sie achten dabei darauf, dass sie sich nicht übernehmen und versuchen, sich selbst gerecht zu werden. Nächstenliebe bedeutet nicht Selbstaufgabe.

Leben ist Vorbereitung auf die Ewigkeit. Das gilt auch für ganz alltägliche Situationen, zum Beispiel für erwachsene Kinder und ihre alten Eltern. Bisweilen kann es dabei durchaus sein, dass die Fähigkeit zur Hilfe und darum die Versorgung hilfsbedürftiger Eltern in einem Heim sinnvoller ist als sie selbst zu leisten. Oft wollen alte Menschen ihren nächsten Angehörigen auch gar nicht, wie sie es oft selbst formulieren, "zur Last fallen", sondern so lange wie möglich selbständig leben.

Mit meiner Mutter ist es mir so ergangen. Nach einem Schlaganfall hatten meine Frau und ich ihr angeboten, sie möge doch zu uns ziehen. Sie wollte das nicht, sondern für sich bleiben. Ich habe mir dann oft Sorgen gemacht, ob sie denn trotz der durch den Schlaganfall ausgelösten Lähmungen zurecht kommen würde. Doch war mir schließlich der Respekt vor ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung wichtiger als meine eigene Sorge. Anders wäre ich meiner Mutter nicht gerecht geworden.

Es ist und bleibt wohl immer so: Wir streben in unserem Leben für uns und andere nach Gerechtigkeit. Wir wollen anderen gerecht werden und wir wünschen, dass uns Gerechtigkeit widerfährt. Oft beugen sich die Situationen im Leben nicht unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit. Und vieles von unserem eigenen Streben nach Gerechtigkeit ist bruchstückhaft, von unseren Grenzen und der anderer Menschen bestimmt. Unsere Gerechtigkeit bleibt vorläufig. Aber gerade indem wir in aller Vorläufigkeit nach Gerechtigkeit streben, halten wir an der Hoffnung fest, dass all unser Streben nicht umsonst ist, sondern in Gottes Reich seine Vollendung findet, denn wir warten ja, nach seiner Verheißung, "auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt."

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