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     Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung
 


Ansprache bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag
Karlsruher Hauptfriedhof am 18. November 2001

Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag und zuletzt der Toten- oder Ewigkeitssonntag. Wenn sich die Gedenktage der kalten Füße schwer auf das Gemüt legen, dann wissen wir: Es ist wieder mal November. Die letzte Rose verblüht irgendwo einsam und unbeachtet.
Und die letzte Fliege geht uns auf die Nerven; nicht so sehr, weil es eine Fliege, sondern weil es die letzte Fliege ist. Die bunten Blätter, die den Herbst so kräftig leuchten lassen, werden nun mit Füßen getreten. Die Stimmung des Novembers legt sich auf die Seele. Ein fahles Licht liegt bisweilen in diesem Monat auf der Welt. Anflüge von Melancholie stellen sich ein.

Doch geht es an all diesen Tagen des Gedenkens an die Toten nicht einfach nur um eine wie auch immer geartete Stimmung. Vielmehr geht es um das, was stimmt. Erst recht am Volkstrauertag. Und es stimmt, was eine jüdische Weisheit sagt: "Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung." Erinnerung hat zunächst immer etwas Persönliches. Und je älter wir sind, desto eindrücklicher haften die Erlebnisse etwa des Zweiten Weltkrieges in unserem Gedächtnis. Die Generation der Nachgeborenen, also meine Generation, hatte es "nur" (in Anführungsstrichen) mit den Folgen des Krieges zu tun. In mein Leben griffen sie ein, längst bevor ich geboren wurde. Meine Mutter etwa, floh bald nach dem Ende des Krieges als junge Frau gemeinsam mit ihren Schwestern und meiner Großmutter aus Stettin in Pommern nach Schleswig - Holstein. Sie kam von dort in
den Süden Deutschlands, weil es hier Arbeit gab. Und so wurde ich eben im Süden Deutschlands geboren und wuchs in der Bodenseegegend auf. Dort galten wir zunächst immer als "die Flüchtlinge", Protestanten noch dazu, die den örtlichen Dialekt nicht sprachen. Meine Mutter und meine Großmutter, die später nachkam, waren froh eine neue Heimat gefunden zu haben - und trauerten der alten doch nach. Das hat sich in mein Gedächtnis ebenso fest eingegraben wie die Tatsache, daß beide Frauen wie selbstverständlich, wenn es in Gesprächen um die ehemalige DDR und um die Päckchen "nach Drüben" ging, von der "Ostzone" sprachen. Fast genauso fest ist in meinem Gedächtnis die Verfilmung eines Romans haften geblieben, die in den 60er Jahren im 1. Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde - "So weit die Füße tragen" - und die die Flucht eines deutschen Soldaten aus einem russischen Kriegsgefangenlager schildert.

Die Generation nach der meinigen ist noch stärker auf solche Vermittlung angewiesen. Sie bekommt sie in Büchern, Film und Fernsehen auch reichlich geboten. Angehörige dieser nachfolgenden Generation, vor allem Schüler und Schülerinnen, geben mir bisweilen zu verstehen, das sei alles ein wenig des Guten zu viel; die Zeiten hätten sich geändert, sie wollten nicht immer bei den Sünden ihrer Großeltern und Urgroßeltern behaftet werden; sie hätten ihr eigenes Leben. So drückt sich ein neues, ein anderes Selbstbewußtsein aus, aber auch ein Schwinden geschichtlicher Wahrnehmung jüngster Vergangenheit.

Das wird man jenen, die den Zweiten Weltkrieg und die Zeit davor miterlebt haben, kaum vorwerfen können. Der achtzigjährige Prof. Hans-Armin Weirich erinnert in seinem Beitrag in den "Anregungen und Gedanken zur Gestaltung von Gedenkstunden und Gottesdiensten" des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. daran, daß man seit dem Jahr 1920 den Volkstrauertag begeht. Ihm ist dieser Tag deshalb so wichtig, weil er, wie er schreibt, "den fast sechsjährigen Zweiten Weltkrieg von der ersten bis zur letzten Stunde erlebt und einschließlich Gefangenschaft miterlitten hat" - um dann fortzufahren: "Aus dem Heldengedenktag ist ein Volkstrauertag geworden. Als ich vor wenigen Wochen in Budapest mit Hinterbliebenen auf einem deutsch-ungarischen Soldatenfriedhof stand,
um einen Friedenspark einzuweihen, und durch die langen Reihen der Gedenksteine mit über sechstausend Namen und Namenlosen ging, wurde mir wieder eindringlich bewusst: Viele Tausend, ja, viele Millionen - Zahlen, das ist Statistik. Aber hinter jedem Grab steht ein Einzelschicksal, ein früh beendetes Leben, ein Mensch, der noch heute unter uns leben könnte.
Es gehört zum Schmerz der Erinnerung, dass man um die Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit des zerstörten Lebens weiß. Und es standen und stehen oft noch heute dahinter viele trauernde Mütter, Väter, Ehefrauen, Bräute und auch Kinder, die nie ihren Vater kennen gelernt haben. Ich persönlich habe nicht nur viele Kriegskameraden, sondern auch die meisten meiner Jugendfreunde verloren. Opfer des durch eine fanatische Politik ausgelösten Zweiten Weltkrieges waren nicht nur die gefallenen Soldaten und ihre Angehörigen. Der Krieg hat auch unendliches Unrecht und Leid über Millionen deutsche und Ausländer gebracht, die geschunden, gequält und ermordet wurden. Unzählige haben ihre Heimat verloren. Ganze Völker und Minderheiten drohten ausgerottet zu werden. Der Völkermord an den europäischen Juden ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit.
Sie alle schließen wir in unser Gedenken ein." Soweit der inzwischen achtzigjährige einstige Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg Prof. Hans-Armin Weirich.

"Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung." Das stimmt! Es ist der Deutschen Kriegsgräberfürsorge und allen, die sie unterstützen, dafür zu danken, dass sie mit ihrer Arbeit und ihren Veranstaltungen am Volkstrauertag zur Versöhnung von uns Deutschen mit unseren Nachbarn beigetragen hat. Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind wir nur von Freunden umgeben. Auch die Versöhnung mit unseren östlichen Nachbarn ist eingeleitet. Selbst mit Rußland, jenem größten Teil der einstigen Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg den Verlust von über zwanzig Millionen Menschen zu beklagen hatte, haben sich Wege der Versöhnung eröffnet. Auf dem Balkan scheinen sich die Konflikte zu verringern.
Die Erfüllung der Vision von einem "befriedeten Haus" in Europa wirkt zum Greifen nah. "Aus der Nacht unserer Gräber erwachse als Frucht des Opfers der Friede." Das steht auf dem Soldatenfriedhof in Rosenheim.
Es könnte auch anderswo in Europa auf Soldatenfriedhöfen zu lesen sein. Denn überall unter den einst Verfeindeten hat es Opfer gegeben. Blickt man auf Europa, so gewinnt - endlich ! - die Hoffnung Raum, daß der Wunsch der Toten Wirklichkeit wird: "Aus der Nacht unserer Gräber erwachse als Frucht des Opfers der Friede."

Weil dem so ist, sträubt sich bei vielen in Europa alles dagegen, an einer militärischen Auseinandersetzung, an einer kriegerische Aktion erneut beteiligt zu sein. Auch bei uns ist das so. Wir Deutsche tun es aus einer doppelten Perspektive: als Verlierer und als Gewinner.

In nationalistischen Kreisen hört man es nicht gern. Doch die geschichtliche Tatsache ist unbestreitbar: Nicht nur nach dem Ersten Weltkrieg, der mit seinen zwei Millionen gefallenen oder vermißten deutschen Soldaten bei jedem Volkstrauertag gegenwärtig ist, sondern erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg zählten wir zu den Verlierern. Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Einzelschicksal: 7 375 800 Deutsche
und Österreicher ließen im Zweiten Weltkrieg als Soldaten, als Zivilisten, durch Vertreibung und Verschleppung, durch politische, rassische und religiöse Verfolgung ihr Leben. "Ein gebranntes Kind scheut das Feuer!" sagt der Volksmund. Geht es um militärische Konflikte oder gar um Krieg, dann sind wir Deutsche "gebrannte Kinder". Landesverteidigung auf deutschem Boden können sich viele noch vorstellen. Darum wird die Bundeswehr bejaht. Doch deutsche Soldaten im fernen Ausland? Oder auch nur in mittelbarer Beteiligung? Dagegen regt sich Widerstand,
gerade weil wir "gebrannten Kinder" aus unserer Geschichte gelernt haben. Unsere höchst persönlichen Erinnerungen haben sich, gleich welcher Generation angehörend, längst zu kollektiven Erinnerungen verdichtet. Gerade weil das so ist, wollen viele den deutschen Namen nicht erneut
mit militärischen Einsätzen in Verbindung gebracht wissen. Wer selbst nur zu genau die verheerenden Folgen von Krieg, Flucht und Vertreibung kennt, will sie nicht über andere bringen.

Wir Deutsche formulieren Vorbehalte gegen militärische Einsätze nicht nur als Verlierer, wir tun es auch als Gewinner. Wir haben - nicht nur in unseren eigenen Augen, sondern auch in den Augen der Welt - im Frieden gewonnen. Nicht nur Wohlstand, nicht nur einen Rechsstaat und Demokratie, sondern im Fall der Mauer als die Betreiber und Zeugen einer friedlichen Revolution. Wer etwas zu verlieren hat, der ist erst recht vorsichtig. Doch gerade weil wir etwas zu verlieren haben, sollten wir uns zugleich auch fragen, was das denn wirklich ist, was wir auf keinen Fall verlieren wollen - gerade weil wir Deutsche - und durch uns andere - durch das Trauma des Nationalsozialismus gegangen sind: Freiheit und Menschenwürde. Ein entscheidender christlicher Beitrag zur Begründung von Freiheit und Menschenwürde liegt im Verweis auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. "Gott schuf den Menschen zu
seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau." Die Gottesebenbildlichkeit hängt nicht von seinem Geschlecht, seiner Hautfarbe und seiner Religion ab. Dieses Menschenbild erkennt die Gottesebenbildlichkeit in jedem Menschen. Dieses Menschenbild ist darum eine Grundlage der Toleranz. Toleranz ist auf Gegenseitigkeit angelegt.
Sie braucht Freiheit.

"Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung." So hieß es in der Totenehrung, gesprochen von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag in Berlin im Jahr 2000. Diese Worte haben seit den Terroranschlägen in New York und Washington vom 11. September, durch den Massenmord an den Menschen im World Trade Center, erschreckende neue Bestätigung gefunden. Allerdings nicht nur
in Amerika, sondern eben auch durch militärischen Einsatz in Afghanistan. Wie aber, so lautet die Ausgangsfrage, kann man einem terroristischen Massenmörder, der eine Religion als Ideologie mißbraucht, und seiner Helfershelfer habhaft werden? Wie kann man sich vor weiteren Angriffen auf die Freiheit nachhaltig schützen? Offenbar geht das nicht nur durch friedfertige Mittel. Freiheit kann man nur entschlossen verteidigen. In der Sache gibt es bei Regierung und Opposition darum einen breiten Konsens über die Entsendung deutscher Soldaten in die militärische Anti-Terror-Allianz. Wenn der Reformator Martin Luther Recht hat und Gott die Welt
in zwei Reichen regiert - im Reich zur Rechten, im Reich Gottes, mit der Liebe, und im Reich zur Linken, dem Staat, mit Recht und Gesetz - dann erhebt sich, nachdem nun die entsprechende Entscheidung getroffen wurde, für die Kirche die Frage wie sie die Gewissen trösten soll.

Ich versuche eine Antwort, indem ich den Gewissenskonflikt benenne:
"Du sollst nicht töten!" heißt Gottes Gebot. "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!" Das Gebot ist klar. Klar ist aber auch, daß man Bösem nicht einfach nur mit gutem Willen widersteht. Der Mensch ist eben nicht nur Ebenbild Gottes, vielmehr ist er immer auch zu abgrundtief Bösem fähig. Wir Theologen nennen das Sünde. Dietrich Bonhoeffer, der sich aktiv am Widerstand gegen Hitler beteiligte und dafür noch vier Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde, hat einmal ein eindrückliches Bild geprägt: Wenn einer mit einem Wagen ohne Rücksicht auf Passanten den Kurfürstendamm in Berlin hinunterrast, dann darf man sich nicht darauf beschränken, die Verletzten zu verbinden, dann muß man, wie Bonhoeffer sagt, "dem Rad selbst in die Speichen fallen". Diejenigen, die den tatsächlich notwendigen Dienst tun, die Verletzten zu verbinden und sich nur darauf beschränken, können zwar vor sich und anderen den Schein des reinen Gewissens wahren, doch auch sie werden schuldig, weil sie gegen die Ursache, den Urheber der bösen Tat nichts unternehmen und ihn weiter morden lassen. Demjenigen allerdings, der dem Bösen widersteht, bleibt nichts anderes übrig als Schuld zu übernehmen. Darin liegt eine tiefe Tragik. So sagt Bonhoeffer.

Manchmal gibt es in der Tat keine Lösung ohne Leid. Man kann es nur so weit wie möglich begrenzen. Das zu erkennen und auszuhalten ist schwer und schmerzlich. Gott gebe die Kraft, es mit Würde zu tun - denn "unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt."

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