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| Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung | |||||
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Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag und
zuletzt der Toten- oder Ewigkeitssonntag. Wenn sich die Gedenktage der
kalten Füße schwer auf das Gemüt legen, dann wissen
wir: Es ist wieder mal November. Die letzte Rose verblüht irgendwo
einsam und unbeachtet. Doch geht es an all diesen Tagen des Gedenkens an die Toten nicht einfach
nur um eine wie auch immer geartete Stimmung. Vielmehr geht es um das,
was stimmt. Erst recht am Volkstrauertag. Und es stimmt, was eine jüdische
Weisheit sagt: "Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung."
Erinnerung hat zunächst immer etwas Persönliches. Und je älter
wir sind, desto eindrücklicher haften die Erlebnisse etwa des Zweiten
Weltkrieges in unserem Gedächtnis. Die Generation der Nachgeborenen,
also meine Generation, hatte es "nur" (in Anführungsstrichen)
mit den Folgen des Krieges zu tun. In mein Leben griffen sie ein, längst
bevor ich geboren wurde. Meine Mutter etwa, floh bald nach dem Ende
des Krieges als junge Frau gemeinsam mit ihren Schwestern und meiner
Großmutter aus Stettin in Pommern nach Schleswig - Holstein. Sie
kam von dort in Die Generation nach der meinigen ist noch stärker auf solche Vermittlung angewiesen. Sie bekommt sie in Büchern, Film und Fernsehen auch reichlich geboten. Angehörige dieser nachfolgenden Generation, vor allem Schüler und Schülerinnen, geben mir bisweilen zu verstehen, das sei alles ein wenig des Guten zu viel; die Zeiten hätten sich geändert, sie wollten nicht immer bei den Sünden ihrer Großeltern und Urgroßeltern behaftet werden; sie hätten ihr eigenes Leben. So drückt sich ein neues, ein anderes Selbstbewußtsein aus, aber auch ein Schwinden geschichtlicher Wahrnehmung jüngster Vergangenheit. Das wird man jenen, die den Zweiten Weltkrieg und die Zeit davor miterlebt
haben, kaum vorwerfen können. Der achtzigjährige Prof. Hans-Armin
Weirich erinnert in seinem Beitrag in den "Anregungen und Gedanken
zur Gestaltung von Gedenkstunden und Gottesdiensten" des Volksbundes
Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. daran, daß man seit
dem Jahr 1920 den Volkstrauertag begeht. Ihm ist dieser Tag deshalb
so wichtig, weil er, wie er schreibt, "den fast sechsjährigen
Zweiten Weltkrieg von der ersten bis zur letzten Stunde erlebt und einschließlich
Gefangenschaft miterlitten hat" - um dann fortzufahren: "Aus
dem Heldengedenktag ist ein Volkstrauertag geworden. Als ich vor wenigen
Wochen in Budapest mit Hinterbliebenen auf einem deutsch-ungarischen
Soldatenfriedhof stand, "Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung." Das
stimmt! Es ist der Deutschen Kriegsgräberfürsorge und allen,
die sie unterstützen, dafür zu danken, dass sie mit ihrer
Arbeit und ihren Veranstaltungen am Volkstrauertag zur Versöhnung
von uns Deutschen mit unseren Nachbarn beigetragen hat. Zum ersten Mal
in unserer Geschichte sind wir nur von Freunden umgeben. Auch die Versöhnung
mit unseren östlichen Nachbarn ist eingeleitet. Selbst mit Rußland,
jenem größten Teil der einstigen Sowjetunion, die im Zweiten
Weltkrieg den Verlust von über zwanzig Millionen Menschen zu beklagen
hatte, haben sich Wege der Versöhnung eröffnet. Auf dem Balkan
scheinen sich die Konflikte zu verringern. Weil dem so ist, sträubt sich bei vielen in Europa alles dagegen, an einer militärischen Auseinandersetzung, an einer kriegerische Aktion erneut beteiligt zu sein. Auch bei uns ist das so. Wir Deutsche tun es aus einer doppelten Perspektive: als Verlierer und als Gewinner. In nationalistischen Kreisen hört man es nicht gern. Doch die
geschichtliche Tatsache ist unbestreitbar: Nicht nur nach dem Ersten
Weltkrieg, der mit seinen zwei Millionen gefallenen oder vermißten
deutschen Soldaten bei jedem Volkstrauertag gegenwärtig ist, sondern
erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg zählten wir zu den Verlierern.
Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Einzelschicksal: 7 375 800 Deutsche
Wir Deutsche formulieren Vorbehalte gegen militärische Einsätze
nicht nur als Verlierer, wir tun es auch als Gewinner. Wir haben - nicht
nur in unseren eigenen Augen, sondern auch in den Augen der Welt - im
Frieden gewonnen. Nicht nur Wohlstand, nicht nur einen Rechsstaat und
Demokratie, sondern im Fall der Mauer als die Betreiber und Zeugen einer
friedlichen Revolution. Wer etwas zu verlieren hat, der ist erst recht
vorsichtig. Doch gerade weil wir etwas zu verlieren haben, sollten wir
uns zugleich auch fragen, was das denn wirklich ist, was wir auf keinen
Fall verlieren wollen - gerade weil wir Deutsche - und durch uns andere
- durch das Trauma des Nationalsozialismus gegangen sind: Freiheit und
Menschenwürde. Ein entscheidender christlicher Beitrag zur Begründung
von Freiheit und Menschenwürde liegt im Verweis auf die Gottesebenbildlichkeit
des Menschen. "Gott schuf den Menschen zu "Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer
Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung."
So hieß es in der Totenehrung, gesprochen von Bundespräsident
Johannes Rau anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag in Berlin
im Jahr 2000. Diese Worte haben seit den Terroranschlägen in New
York und Washington vom 11. September, durch den Massenmord an den Menschen
im World Trade Center, erschreckende neue Bestätigung gefunden.
Allerdings nicht nur Ich versuche eine Antwort, indem ich den Gewissenskonflikt benenne:
Manchmal gibt es in der Tat keine Lösung ohne Leid. Man kann es nur so weit wie möglich begrenzen. Das zu erkennen und auszuhalten ist schwer und schmerzlich. Gott gebe die Kraft, es mit Würde zu tun - denn "unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt." |
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