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     Ich will dich trösten
 


Predigt zu Römer 8, 26

Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.

Der Mensch braucht Trost. Der Säugling schreiend in der Wiege, der Greis sterbend eine liebe Hand umklammernd, Anfang und Ende lassen ahnen, dass wir Menschen trostbedürftige Wesen sind. Ohne Trost wird das Leben trostlos. Und wer trostlos lebt, ist womöglich irgendwann nicht mehr recht bei Trost.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." So verspricht Gott. Der Prophet Jesaja berichtet davon. In diesen Tagen hat Gott viel zu tun. Die nicht recht bei Trost sind, machen ihm zu schaffen: ein Amokläufer in Erfurt, ein Attentäter in Holland, ein Selbstmordattentäter in Tel Aviv, ein schwerer Anschlag in Russland. Die Reihe der schrecklichen Geschehnisse ließe sich lange fortsetzen. Sie treiben Menschen Tränen der Trauer, der Wut und der Ohnmacht ins Gesicht. Und uns, die wir das Geschehen durch Fernsehbilder ganz nah in unsere Wohnstuben bekommen und räumlich doch entfernt sind, ringt sich, ob so viel Gewalt, ein manchmal schier unaussprechlicher Seufzer über die Lippen: "Ach, Gott!"

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Zur Aufgabe einer Mutter gehört das Trösten. Dabei wird von Müttern heutzutage viel erwartet: Familie, Haushalt und Beruf sollen sie unter einen Hut bringen und dabei immer eine gute Figur machen. So mache Überforderung stellt sich ein. Wie kann eine Mutter dann noch eine gute Trösterin sein? Indem sie selbst Zuspruch erfährt und ihr zugetraut wird, eine gute Trösterin zu sein, die zur rechten Zeit das rechte Wort findet!

Nur, wenn wir uns in Bitte und Klage an Gott wenden, kann er uns trösten. Doch dann tut er es auch, und zwar so, "wie einen seine Mutter tröstet." Eine tröstende Mutter richtet ihr Kind auf. Gott tut es ebenso. Er hat Verständnis für uns wie es eine Mutter hat. Er wird uns nicht ohne Trost lassen: "Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir." So sagt es Jesus. Das Johannesevangelium berichtet davon. Wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." In der Malerei gibt es Darstellungen der Dreifaltigkeit, in denen der Heilige Geist als Frau dargestellt wird. Das hängt sicher zum einen mit dem 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses zusammen, in dem es bekanntlich heißt: "Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche...". Es hängt aber auch damit zusammen, dass, heute oftmals vergessen, dem Heiligen Geist, einer Mutter gleich, etwas Schützendes und Bergendes zugeschrieben wurde. Wenn noch heute Menschen, vielleicht manchmal gar nicht aus so lauteren Motiven heraus, in einer Kirche Zuflucht suchen, dann hängt dies mit dieser Schutzgewährung zusammen. In einer Kirche herrscht ein anderer Geist als in der Welt, die zwar schön, aber auch voller Lug und Trug, voller Terror und Totschlag sein kann.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Dieser Satz setzt das positive Bild einer Mutter voraus. Wir wissen, dass es auch anders
sein kann. Nicht nur bei der oftmals schon zur Karikatur geronnenen Rede von der "bösen Schwiegermutter", die sich in alles einmischt, was sie nichts angeht. Oder bei der bedrohlichen Stiefmutter, die veranlaßt, dass Hänsel und Gretel in den Wald müssen und bei einer bösen Hexe landen. Nein, die eigene Mutter kann, der Volkmund sagt es, eine "Rabenmutter" sein. In "Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes" beschreibt der Schriftsteller Manfred Bieler seine Kindheit unter der Fuchtel einer solchen "Rabenmutter" - die den Sohn, beabsichtigt oder nicht, zum Mitwisser ihrer Eskapaden macht und ihn mit Zuckerbrot und Peitsche zum Schweigen zwingt.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Gott sei Dank gibt es ganz andere Mütter. Es gibt sie zuhauf. Sie wissen, was ihre Kinder brauchen: Unbedingte Annahme, hilfreiche Grenzen, bergende Liebe - und ein Vertrauen, das Menschen nicht machen können. In einer bekannten Wochenzeitung hat der Journalist Christian Nürnberger das im Blick auf seine eigene Kindheit so berichtet: "Auch mir wurde erzählt: Der liebe Gott sieht alles. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Müttern, die ihren
Kindern damit ein Straf-und Aufpasser-Gottesbild einpflanzten, hat meine Mutter gesagt: Er muss alles sehen, damit er dich beschützen kann. Er sieht dann zwar auch, was du anstellst. Aber erstens vergibt er dir, wenn du hinterher bereust, und zweitens kann er bei kleinen Jungs auch mal fünfe gerade sein lassen. Kinder müssen lernen, und am meisten lernt man aus Fehlern. Weil aber Kinder so viele Fehler machen, ja machen sollen, sind sie immer gefährdet, und deshalb muss der liebe Gott besonders gut auf sie aufpassen. Der liebe Gott war mir tatsächlich ein lieber Gott.
Er war kein Kontrolleur, kein Angstmacher, sondern ein Beschützer, mit dem ich ständig in Kontakt stand und wortlos betend alles besprach, was es zu besprechen gab. ... Jesus hat es doch selbst gesagt: Kein Spatz wird von Gott vergessen, und die Haare auf meinem Kopf sind gezählt.
Weil ich diese Zusage glaubte, war ich ein von Selbstbewußtsein strotzendes Kind. Und weil ich wusste, dass Gott immer dabei ist, kannte ich als Kind keine Angst...".

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Der Apostel Paulus hat die Schriften des Propheten Jesaja gekannt. Eine Mutter spricht für ihr Kind, auch und gerade dann, wenn das Kind, von den kleinen und großen Sorgen des Lebens an Leib oder Seele verwundet sich in die Arme der Mutter flüchtet. Vielleicht sagt die Mutter dann bloß "Ach" , oder: "Ach, Gott", doch das Kind weiß sich und alle seine Nöte in den Stoßseufzern der Mutter aufgehoben.

"Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen." Der schon erwähnte Christian Nürnberger berichtet in jener Wochenzeitung weiter, er habe dann als Erwachsener als die vielen Fragen kamen, die das Leben von allein stellt, und wenige Antworten darauf, das Beten verlernt. Er schreibt schließlich: "Einmal, als meine Frau zwölf Stunden auf dem Operationstisch lag und alles möglich war, die Heilung, die Querschnittslähmung und der Tod, blitzte der Gedanke ans Beten kurzzeitig auf, aber nur, um sofort verworfen zu werden. Über zwanzig Jahre hatte ich schon nicht mehr gebetet. Mehr als zwei Jahrzehnte lang, in denen es mir gut gegangen war, hatte ich für das Beten keinen Grund gesehen; warum sollte ich es gerade jetzt tun? Weil Not beten lehrt? Ebendeshalb gerade nicht. Ich habe auch meinen Stolz."

"Ich habe auch meinen Stolz." Der Mensch braucht Trost, auch und gerade dann, wenn er nicht weiß, was er beten soll, wie sich's gebührt. Doch dann erinnert er bisweilen an ein Kind, dass sich aus lauter Trotz nicht trösten lassen will. Bloß gut, daß eine gute Mutter dies einzuschätzen weiß. Sie hält sich bereit, aber drängt sich nicht auf. Ihr Trost kommt dann zum Ziel, wenn er gewollt wird.

So ist es auch mit dem Heiligen Geist. Er ist da, aber er drängt sich nicht auf. Er vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. So wie eine Mutter stellvertretend für ihr Kind bei sich seufzend etwa denkt: "Ach, wenn du doch nur...". Der beste Stellvertreter ist freilich nichts wert, wenn er keine Vollmacht hat. Ein Stellvertreter braucht immer eine Vollmacht, die ihn beglaubigt. Das ist im Himmel nicht anders als auf Erden und bei Gott nicht anders als unter Menschen. Wer einen Menschen vertreten soll, der muss bejaht werden von dem, für den er eintreten soll. Wer sich bei Gott vertreten lassen will, der muss also "Ja" sagen zu diesem stellvertretenden Geist, der muss seinen Trotz aufgeben und sich den Trost des Heiligen Geistes gefallen lassen. Er muss also dem Heiligen Geist Vertrauen schenken. Dann kann er uns trösten, "wie einen seine Mutter tröstet."

Er tut es, indem er uns ernst nimmt. Er nimmt vor allem unsere Angst ernst. Sie entsteht daraus, dass alle Menschen guten Willens zwar ihr Möglichstes tun, um dieser Welt zu helfen, doch müssen gerade sie oft genug erst recht merken, dass die Welt immer noch viel mehr Not hervorbringt als Menschen heilen können. Darin wollen wir uns zu Recht nicht schicken. Und so bleibt die Angst, dass die Menschheit sich am Ende nicht helfen läßt, sondern vielmehr sich und die Welt langsam aber sicher zugrunde richtet.

Diese Angst um die Welt drückt sich aus in unaussprechlichen Seufzern. Seufzend gestehen wir Gott unsere Angst ein. Ein solcher Seufzer, liebe Gemeinde, ist das ehrlichste Gebet von der Welt. Denn mit ihm gestehen wir Gott auch dies ein, dass wir angesichts der namenlosen Not und der unzähligen Verbrechen, die Menschen an Menschen verüben, angesichts von Attentaten, Selbstmordanschlägen und Gewaltreaktionen, wahrhaftig nicht mehr wissen, was wir beten sollen. Das ganze Elend der Welt drängt in einem einzigen Seufzer zu Gott sehr viel klarer empor als in noch so langen Gebeten. Alle Schmerzen, unter denen die Welt stöhnt, und alle Greueltaten, die zu erzählen sich die Sprache sträubt - sie drängen sich in einem einzigen seufzenden "Ach" zusammen.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Trotz steht dem Trost entgegen. Ein Kind aber, das mit seinem Ach und Weh zur Mutter kommt, wird getröstet, sei es mit Worten, sei es in einer Umarmung. Eine tröstende Mutter richtet ihr Kind auf. Gott tut es ebenso. Zu ihm können wir immer kommen, auch wenn wir etwas falsch gemacht haben oder nicht mehr weiter wissen. Auch das Dunkle in uns, das wir anderen verbergen, können wir Gott sagen. Im Gebet nimmt er uns gleichsam in den Arm. Und wenn uns dabei auch nur ein "Ach", oder ein "Ach, Gott" entfährt, so weiß er doch um unsere Nöte, hat uns doch längst sein Geist vertreten "mit unaussprechlichem Seufzen". Als Betende werden wir als Erwachsene angesichts unserer Angst um diese Welt nicht einfach wieder zu "von Selbstbewußtsein strotzende Kinder", aber zu solchen Menschen, die ihren Trotz fahren lassen, um Trost zu erfahren - und so Kraft zum Leben. Schließlich will Gott uns trösten, "wie einen seine Mutter tröstet."
Amen.

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