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| Reformationstag 31.10.2004 | |||||
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Nun ist aber ohne Zutun des Gesetzes (der Werke) die Gerechtigkeit,
die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz (des Glaubens)
und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die
da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln
des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst
gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus
Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als
Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er
die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit
seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen,
daß er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus
dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen.
Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch
das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, daß der
Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. I. Warum bin ich da? Wer hat mich gewollt? Was wird aus mir werden? Warum nicht im Bombenhagel und Gas zu Tode gekommen wie so viele andere? Warum die Operation überlebt? Wozu lebe ich? Immer dieser Zwang zur Rechtfertigung, vor anderen, vor sich selbst. Das ist das Gesetz, unter dem wir antreten: Wir müssen uns rechtfertigen - vor anderen, vor uns selbst. Wir führen fortwährend, noch ganz anders als Charles Darwin es einst meinte, einen Kampf ums Dasein: den Kampf um die Daseinsberechtigung, die Daseinsbegründung, den Kampf um die Antwort auf die Lebensfragen, die uns mitgegeben sind: Warum bin ich da? Was wird aus mir werden? Wozu lebe ich? Die Anworten auf diese Fragen sind vielfältig. Sie hinterlassen Spuren, große und kleine. Der Name des Erbauers der Stadtkirche etwa, Friedrich Weinbrenner, wird so lange bekannt bleiben wie diese Kirche steht. Andere, die zu seiner Zeit lebten, sind längst vergessen. Doch auch sie haben ihre Spuren hinterlassen. Das haben zumindest die Menschen erfahren, die mit ihnen lebten, oder vielleicht mit ihnen leben mußten. Sind die hinterlassenen Spuren groß, dann werden die entsprechenden Menschen, geehrt, gerühmt - ja, sie werden unter Umständen berühmt. Und noch die Nachwelt verneigt sich vor ihnen: vor Johann Wolfgang von Goethe etwa oder vor Albert Einstein. Doch gibt es auch jene, deren Berühmtheit und Ruhm höchst zweifelhaft sind, weil sie zu den Menschenschlächtern zählen: Adolf Hitler, Josef Stalin, Mao Tse Tung. So oder so - die Werke der Menschen folgen ihnen nach. II. Freilich - ebenfalls so oder so, zum Guten oder zum Schlechten - ist Paulus in der Beurteilung der Menschen, die ihre Spuren hinterlassen, ganz deutlich und klar: "Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,...". Wörtlich: "Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte." Daß Hitler, Stalin oder Mao Tse Tung "gesündigt und die Herrlichkeit verloren" haben, "die Gott ihnen zugedacht hatte", mag noch unmittelbar einleuchten. Warum sollte das aber auch für einen Johann Wolfgang von Goethe oder einen Albert Einstein gelten? Oder noch anders gefragt: Warum sollte für uns, die wir sicherlich versuchen, ein einigermaßen ehrbares Leben zu leben das Gleiche gelten? Warum sollte für die Wohltäter und die Übeltäter gleichermaßen gelten: "Denn es ist hier kein Unterschied..."? Die Antwort des Paulus: Nicht das Tun des Menschen rechtfertigt sein Dasein, sondern der Glaube; genauer - Rechtfertigung geschieht für den, "... der da ist aus dem Glauben an Jesus." - Also für den, der sein Dasein im Glauben gründet, nicht in seinem Tun. Darum fragt Paulus: "Wo bleibt nun das Rühmen?" Um dann festzustellen: "Es ist ausgeschlossen." Das ist freilich hart. Denn das Gesetz unser Dasein durch unser Tun zu rechtfertigen, ist zunächst ganz und gar einleuchtend. Es ist zunächst unmittelbar einleuchtend, daß Goethe oder Einstein im Vergleich zu Hitler, Stalin oder Mao Tse Tung zu den Guten gezählt und ob ihrer Taten gerühmt werden und zudem in unserer Einschätzung der Wohltäter allemal vor dem Übeltäter rangiert. Und doch soll gelten: "Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten..."?! Mit anderen Worten: die Fähigkeit zum Bösen steckt in jedem. Sie mag sich unterschiedlich ausprägen, mal im Affekt, mal systematisch und massenhaft, machmal äußert sie sich in unbändigen Haßgefühlen, mal schlummert sie latent. Aber sie ist in allen vorhanden. Da gibt es keinen Unterschied. Weil er das ganz ernst nimmt, gibt es im Protestantismus keine Heiligsprechungen. Jeder muß für sich selbst Gott Rechenschaft geben - auch der vorgeblich Heilige. Darum kennt die Bibel die Vorstellung vom letzten Gericht nach den Werken. Der Evangelist Matthäus hat es so formuliert: "Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken." Nehmen wir diese Vorstellung ernst, so können wir wohl davon ausgehen, daß beim himmlischen Abendmahl Hitler, Stalin und Mao fehlen werden. Aber es kann auch keiner davon ausgehen, daß er automatisch zu den Geladenen gehören wird. Doch müßen wir wohl gar nicht erst die Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen bemühen, um sich die Eingeschränktheit des Guten zu verdeutlichen. Goethe etwa hat zu seinen Lebzeiten so manches Herz gebrochen. Und Albert Einstein mögen wir großartige Erkenntnisse in Physik und die Formulierung der Relativitätsthorie verdanken, aber auch so manche Vorarbeit für die Atombombe. Denn jeder, der sich und andere einigermaßen realistisch wahrnimmt, sieht wie sehr selbst aus dem guten menschlichen Meinen das Üble folgen kann. "Ich habe es ja nur gut gemeint!" Diese dann übliche Entschuldigung offenbart die Illusion vom Erreichen des Guten, die man hatte. Und selbst der Wohltat kann noch etwas ungewollt Übles anhaften. Die zur Hilfe an der einen Stelle eingesetzten Mittel fehlen unter Umständen an einer anderen Stelle, wo sie mindestens genauso gebraucht werden. Wollen wir unser Dasein durch unser Tun, wollen wir es durch unsere Werke rechtfertigen, dann merken wir irgenwann: Es geht nicht.
III. Um zu verstehen wie das geht muß noch einmal vom Gesetz der Werke die Rede sein. Wer aus und durch das Gesetz der Werke versucht sein Dasein zu rechtfertigen, handelt immer wie unter einem Zwang. Das macht sich unter anderem in einem steten Hang zur Fehlersuche bei anderen und in der Neigung zur Selbstrechtfertigung bemerkbar. Wir kennen das ja schon vom Anfang der Bibel. Zur Rede gestellt, nach Rechenschaft gefragt, wird die Verantwortung, die Schuld an einen anderen weitergereicht: "Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, das gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der Herr zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so daß ich aß." Einer ist immer schuld, bloß nicht ich selbst. Verantwortung und Schuld werden so wie Wagons auf einem Rangierbahnhof verschoben, Entgleisungen inbegriffen, aber an denen ist ja doch ein anderer schuld. So funktioniert das Gesetz der Werke, wenn es hart auf hart kommt, am Ende zumeist immer. Und wenn es ganz übel kommt, dann sind die Opfer angeblich noch selbst daran schuld, was ihnen angetan wird. Die Judenvernichtung im so geannten 3. Reich ist ein grausames Beispiel dafür. Das Gesetz des Glaubens funktioniert anders. Es nimmt den Satz ernst - "Einer ist immer schuld!" - aber versteht ihn anders als das Gesetz der Werke es tut. In der Sprache des Paulus klingt das so: "Gott hat Christus Jesus für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit...". "Einer ist immer schuld!" Das Gesetz des Glaubens bejaht diesen Satz, aber verbindet ihn mit Jesus Christus. Auf ihn sollen wir unsere Schuld schieben, nicht auf andere. Das setzt Selbsterkenntnis voraus, Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit. Wohl also dem, dem das Gewissen schlägt. Mag dann auch gelten: "Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren" ! So gilt doch erst recht: "Es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ ...". Wenn es um die Rechtfertigung für unser Dasein geht, haben wir also einen, der für uns ist, ganz und gar. Ja, der für uns, um mit Martin Luther zu sprechen, "mit Sünde, Tod und Teufel" streitet. Wir müssen das mit unseren Werken nicht selbst tun. Jesus Christus tut es für uns. Wir müssen sein Tun nur bezeugen. Das entlastet ungemein und befähigt unverhofft zu ungeahnten Taten, die den Spuren der Gnade Gottes entsprechen: "Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen...". Und so bewahre der Friede, welcher höher ist, denn all unsere
Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. |
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