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| Weltreligionen und Toleranz | |||||
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I. Vorsicht, liebe Gemeinde, wir betreten heiligen Boden! Das "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein" , dieses "Sch'ma Jisrael", ist das Glaubensbekenntnis der Juden. Mit diesen Worten wurde gelebt - mit ihnen auf den Lippen wurde aber auch ebenso gestorben: als etwa Nebukadnezar 586 vor Christus die Israeliten in die babylonische Gefangenschaft führte; als die Römer 70 nach Christus Jesrusalem zerstörten, als Christen begannen Juden zu Sündenböcken zu machen, als das "Sch'ma Jisrael" in den Gaskammern erstickt werden sollte, als die Israelis um das Wohnrecht in Palästina kämpften. Und es ist zu vermuten, dass es fromme Juden auch dann noch in den Mund nehmen, wenn es wieder einen jener schrecklichen Selbstmordanschläge in Israel gegeben hat und Juden danach in einer Synagoge beten: "Sch'ma Jisrael, Adonai äluhenu, Adonai ächad". Im heutigen Jerusalem wird man unweit einer Synagoge, in der so gebetet
wird, in einer Moschee ein anderes Glaubensbekenntnis hören: "Es
gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet."
Bei dieser Vorstellung mögen andere Bilder in uns aufsteigen, die
wir aus dem Fernsehen kennen, wenn wieder einmal ein palästinensischer
Märtyrer zu Grabe getragen wird. Da werden Gewehrsalven in die
Luft geschossen, es wird skandiert "Allah ist groß".
Und dazu hört man unter Umständen eben auch das Bekenntnis
zu Allah und zu Mohammed seinem Propheten. Korankundige Muslime, und
ihrer sind nicht wenige, wissen natürlich noch mehr als nur ein
Bekenntnis auswendig zu sagen. Schließlich gilt unter Muslimen,
was ebenso unter Juden gilt: "Und diese Worte, die ich dir Auswendig wird ebenso in Koranschulen gelernt. Und wer als Muslim seinen
Koran auf arabisch auswendig gelernt hat, der kann sicher auch die 112
Sure hersagen, in der unsereiner in deutscher Übersetzung liest:
Da stehen sich Bekenntnisse gegenüber. Jedes Bekenntnis steckt seinen heiligen Boden ab. Dabei geht man oft genug wenig zimperlich Miteinander um. So ist im Koran in der 4. Sure (Vers 90 und 92) über das Verhalten von Muslimen gegenüber Juden und Christen zu lesen: "Und wenn sie eurer Auffassung zum Glauben kein Gehör schenken, dann ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet. Denn gegen diese haben wir euch volle Gewalt gegeben." Was machen diese Worte mit einem gläubigen Muslim, wenn er sie auswendig kann? Doch haben Christen wenig Grund, mit Fingern anklagend auf Muslime zu deuten. Noch heute sind in der islamischen Welt des Nahen Ostens die geschichtlichen Ereignisse der Kreuzzüge gegenwärtig. Und auch die Juden, die weiß Gott viel unter Verfolgung bis hin zum Holocaust zu leiden hatten, sehen sich gezwungen Gewalt einzusetzen, um sich in Israel zu behaupten. Bekenntnis und heiliger Boden - in Jerusalem, in Israel ist der Zusammenhang auf Schritt und Tritt zu spüren. In Konflikten zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens mag es um viel gehen: um Macht, Wohlstand, Einfluss, Land, Stolz, Neid, Gier - immer geht es auch um die Frage nach Gott. In ihr können sich die Konflikte geradezu bündeln: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein." "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet." "Wir glauben an den einen Gott ... Und an den einen Herrn Jesus Christus... "(Ja - mehr noch!) "Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht...". Im Kampf um den heiligen Boden in Israel und Palästina spielen Christen Gott sei Dank kaum - und wenn - dann als Vermittler eine Rolle: so wie es jüngst in der Auseinandersetzung um die Geburtskirche in Bethlehem geschah. Dorthin hatten sich bekanntlich Palästinenser geflüchtet, darunter auch solche, die von den Israelis als Terroristen eingestuft worden waren. Daraufhin war die Geburtskirche von israelischen Soldaten belagert worden. II. Solche militanten Auseinandersetzungen werden wir bei uns nicht befürchten müssen. Bekenntnis und heiliger Boden werden in unserem Land so nicht aufeinander bezogen. Das können wir voller Erleichterung feststellen. Gleichwohl ist auch bei uns wahrzunehmen, dass das jeweilige Bekenntnis zu dem einen Gott Juden, Muslimen und Christen keineswegs einfach verbindet, sondern vielmehr ebenso trennt. Zu unterschiedlich sind die Anschauungen. Wenn auch Christen in überwiegend islamisch geprägten Gebieten dieser Welt als Gottesnamen das Wort Allah verwenden, so ist der dreieinige Gott der Christen keineswegs einfach mit der muslimischen Anschauung von Gott identisch. Dennoch bildet sich in unserem Land derzeit so manche unheilige Allianz. Etwa null Komma fünf Prozent der Bevölkerung in Karlsruhe
sind Juden. Diese Forderung entspricht dem Toleranzverständnis, das sich im
jüdisch-christlichen Denken seit der Aufklärung eingestellt
hat. Es geht von der Gleichberechtigung Andersgläubiger aus. Doch
"unter Toleranz versteht der Islam etwas anderes als die westliche
Aufklärung, nämlich die Duldung nicht-islamischer Monotheisten
- also nur von Juden und Christen - als Dhimmi (Gläubige, jedoch
zweiter Klasse), das heißt: als geschützte, aber unmündige
Minderheiten." (Bassam Tibi: "Selig sind die Belogenen",
in: Daran werden wir von hier aus kaum etwas ändern. Doch auf das, was in unserem Land geschieht, haben wir Einfluss. Wer Nutznießer religiöser Toleranz ist, hat sie selbst zu üben. Hier kommen wir als Christen um einen Konflikt mit bestimmten Muslimen nicht herum. So schreibt der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi, selbst Muslim, in der aktuellen Ausgabe einer großen deutschen Wochenzeitung unter der Überschrift "Selig sind die Belogenen" (ebd.): "Die ernüchternde Wahrheit lautet: Nicht nur Islamisten, auch orthodoxe Muslime halten die Christen für "Kreuzzügler", Salibiyyun - und zwar auch dann, wenn sich diese vor dem Islam anbiedernd verbeugen. Christen müssen sich mit dieser feindseligen Einstellung offen auseinandersetzen, statt sie weiterhin zu verdrängen. Warum geschieht dies nicht?" Der Muslim Bassam Tibi nennt verschiedene Gründe. Zwei davon gebe ich wörtlich weiter: "Erstens: die Schuldgefühle der Christen, vor allem der deutschen Protestanten, in Bezug auf die unrühmliche Vergangenheit ihrer Kirche im "Dritten Reich". Nie wieder will man in die Gefahr kommen, andere Religionen zu diskriminieren. Hier stellt sich freilich die Frage, warum es Islamisten, die ja militante Antisemiten sind, gestattet sein soll, moralisches Kapital aus dem vergangenen Leiden der Juden zu schlagen. Zweitens. Die gesinnungsethisch verordnete Fremdenliebe der Deutschen, die es ihnen verbietet, zwischen demokratischen und undemokratischen Ausländern und Kulturen zu unterscheiden." III. "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." Als Jesus einmal von Schriftgelehrten gefragt wird, welches das höchste Gebot sei, zitiert er diesen Satz und fügt noch einen zweiten aus dem 3. Buch Mose hinzu (3. Mose 19,18): "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." An beiden Sätzen wird deutlich, wie sehr Judentum und Christentum miteinander verbunden sind. Juden und Christen haben die hebräische Bibel, das Alte Testament, gemeinsam. Und so kann der Apostel Paulus sagen: "Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich." (Römer 11,18) Gleichwohl lesen wir Christen das Alte Testament von Christus her und auf Christus hin. Das unterscheidet uns von den Juden; erst recht unterscheiden wir uns von Muslimen. Wir glauben an den dreieinigen Gott. Muslime lehnen die Dreifaltigkeit Gottes, wie übrigens auch die Juden, kategorisch ab. Es ist ein Akt der Lieblosigkeit, diese Unterschiede zu verleugnen.
Zur Gottesliebe gehört der Streit um die Wahrheit. Und zur Nächstenliebe
gehört, dem Andersgläubigen das eigene Bekenntnis nicht vorzuenthalten.
Juden tun das übrigens ganz augenfällig. Sie binden sich,
der Vorgabe der Schrift gemäß, eine Kapsel mit dem "Sch'ma
Jisrael" auf die Stirn. Sie sagen damit: Wir stehen zu unserem
Bekenntnis. Nur so kann man ein gesprächsbereites Gegenüber
finden. Ein wirkliches Bekenntnis schafft Klarheit. Natürlich gibt
es Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen, die sich je auf ihre Art
zu einem einzigen Gott bekennen. Diese Gemeinsamkeiten, etwa die Betonung
der Barmherzigkeit Gottes, verbinden Juden, Muslime und Christen.. Gleichwohl
gibt es erhebliche Unterschiede. Um aus diesen Unterschieden nicht Grund
und Legitimation von tatsächlicher Gewalt werden zu lassen, sind
Auseinandersetzungen anderer Art nötig. Dazu gehört ein christlich-jüdischer,
aber erst recht angesichts der etwa 3 Millionen Muslime in unserem Land,
ein christlich-muslimischer Dialog, der Konflikte nicht scheut. In diesem
Gespräch werden, neben allen Gemeinsamkeiten, ganz gewiß
die Unterschiede hervortreten. Viel ist in diesem Gespräch der
Religionen schon gewonnen, wenn dabei alle bei uns zum Ziel haben, die
gleichen Grundlagen bürgerlicher Toleranz zu teilen. Das dient
dem friedlichen Miteinander. |
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