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| Im Altsein und Älterwerden Spuren Gottes finden | |||||
| Evangelische
Morgenfeier auf SWR 1 Ich sammle Lebensgeschichten alter Menschen. Jedes Mal, wenn ich Über die Geschichte des 20. Jahrhunderts habe ich viel aus den Erzählungen alter Menschen gelernt. Natürlich habe ich Geschichtsbücher gelesen und Filme zu den Ereignissen im vorigen Jahrhundert gesehen. Wirklich lebendig wurde und wird diese Geschichte für mich aber erst in den Lebensberichten alter Menschen. Zugleich ist in den Berichten häufig eine Botschaft untergebracht: Vor kurzem habe ich einen über achtzigjährigen Mann kennengelernt.
Ich ermuntere alte Menschen immer wieder ihre Lebensgeschichte selbst
aufzuschreiben. Nicht nur deshalb, weil sonst viel an erlebter Geschichte
verloren geht. Mir jedenfalls helfen die Lebensberichte eine mutmachende
Botschaft zu entschlüsseln, die schon im Alten Testament, im Buch
des Propheten Jesaja zu lesen ist. Dort steht ein Wort Gottes, der über
sich sagt: "Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will
euch tragen, II. "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!" Die Bedeutung dieses Satzes haben mir zwei alte Frauen nahegebracht. Mit großem Respekt denke ich an sie. Beide wurden über 90 Jahre alt. Beide sind im letzten Jahr verstorben. Die eine war klein. Ihr Gesicht wurde von einer großen Nase geprägt.
Darüber hellwache Augen, immer wieder schaute sie mich daraus verschmitzt
an. Sie stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus, war
in einer Stadt an der Oder groß und Geigerin geworden. Als junge
Frau Die andere alte Frau war nie verheiratet. Sie stammte aus einfacheren
Verhältnissen. Ihr Vater war Eisenbahner gewesen. Sie hatte etwas
von einer "Eisernen Lady" an sich. Noch als 90jährige
ging sie die Treppen zu ihrer Wohnung im 5. Stock an Krücken mehrmals
täglich hinauf und hinunter. Wenn sie mich traf, sagte sie: "Man
darf sich halt nicht hängen lassen!" Rauhe Schale, weicher
Kern - das traf auf sie zu. Als sie bei Ausbruch des 2. Weltkrieges
ihren Einberufungsbefehl bekam, ging sie einfach nicht zur vorgeschrieben
Sammelstelle. Von der Gestapo zur Rede gestellt, trat sie so fest und
mit so vielen "Haaren auf den Zähnen" auf, daß
man sie gehen und ihren Beruf in der Diakonie weiter ausüben ließ.
Bei ihrer Beerdigung bestand ein kleines, fünfjähriges Mädchen darauf das Lied "Ade zur guten Nacht" zu singen. Die alte Dame hatte es dem Mädchen abends vor dem Schlafengehen immer vorgesungen. Sie war für das kleine Mädchen eine Art Ersatz-Großmutter gewesen. Als sie das Lied gesungen hatte, bedankte sich das kleine Mädchen mit einfachen Worten für alles, was ihr die "Oma" beigebracht hatte. Das kleine Mädchen sprach mir aus dem Herzen. Ich war und bin
dankbar dafür, was sie mich in ihren Erzählungen - ebenso
wie jene andere alte Dame - gelehrt hatte: Christliche Zivilcourage
ist lebbar. Man muß nicht nur, man kann Gott mehr gehorchen als
den Menschen. Man darf sich nichts vormachen. Das Alter kann beschwerlich sein. Die körperliche und geistige Frische kann nachlassen. Schwere Beeinträchtigungen können sich einstellen. Aber auch das Gegenteil ist möglich. Im Älterwerden und im Altsein kann auch Befreiung enthalten sein. In einer Welt, in der man sich viel auf seine Jugendlichkeit zugute halten soll, wird das oft übersehen. "Da hast Du aber alt ausgesehen!" Das wird bisweilen zu jemandem
gesagt, der sich blamiert hat oder einer Aufgabe nicht gerecht geworden
ist. Von Hiob im Alten Testament wird berichtet, dass er viel Schweres zu ertragen hatte. Es gab eine Zeit in seinem Leben, da hatte er eine Hiobsbotschaft nach der anderen über sich ergehen lassen müssen. Unglück und Krankheit waren über ihn hereingebrochen. An Gott hielt er trotzdem fest. Die Fülle des Lebens hatte sich wieder eingestellt. Darüber war Hiob alt geworden. Am Ende des Buches Hiob wird schließlich geschildert, dass Hiob sein Leben loslassen konnte, wie ich es mir einmal für mich wünsche: Gewissermaßen aufzustehen wie nach einem guten Mahl, bei dem ich gesättigt wurde, ohne es satt zu haben, dankbar für die Fülle, die Gott in mein Leben hineingelegt hat: "Und Hiob starb alt und lebenssatt." Alles im Leben hat sein Zeit. Das Altwerden gehört dazu. Das Altsein
auch. Zwar schützt bekanntlich Alter vor Torheit nicht. Doch Jugend
tut es |
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