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     Im Altsein und Älterwerden Spuren Gottes finden
 

Evangelische Morgenfeier auf SWR 1

I.

Ich sammle Lebensgeschichten alter Menschen. Jedes Mal, wenn ich
einen alten Menschen meiner Gemeinde besucht habe, mache ich mir Notizen. Häufig höre ich am Ende eines Besuches: "Danke für Ihren Besuch!" Und ich antworte: "Im Gegenteil - ich habe zu danken!" Das ist keine bloße Höflichkeitsfloskel. Die alten Menschen schenken mir in ihren Erzählungen ihre Lebensgeschichte. Mit einem Geschenk pflege ich sorgsam umzugehen. Wenn ich etwa ein Buch geschenkt bekomme, dann versuche ich es zu lesen oder stelle es wenigstens so in das Bücherregal, daß es einen würdigen Platz hat. "Ein Buch ist ein Stück Erfahrung, daß man kaufen kann!" - sagt ein irisches Sprichwort. So ist es auch mit den Erfahrungen alter Menschen. Sie werden durch ihre Erzählungen zu meinen eigenen Erfahrungen. Im Gegensatz zu Büchern aber ist der Schatz an Erfahrungen, den mir alte Menschen in ihren Berichten mitgeteilt haben, unbezahlbar. Jedes Mal ist es eine unverwechselbare Lebensgeschichte. Darum schreibe ich in Stichworten auf, was mir erzählt wurde.

Über die Geschichte des 20. Jahrhunderts habe ich viel aus den Erzählungen alter Menschen gelernt. Natürlich habe ich Geschichtsbücher gelesen und Filme zu den Ereignissen im vorigen Jahrhundert gesehen. Wirklich lebendig wurde und wird diese Geschichte für mich aber erst in den Lebensberichten alter Menschen. Zugleich ist in den Berichten häufig eine Botschaft untergebracht:

Vor kurzem habe ich einen über achtzigjährigen Mann kennengelernt.
Er wuchs in der Ukraine auf. Dort gab es seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts deutsche Enklaven. Als die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion einmarschierte, kämpfte er anfangs noch auf sowjetischer Seite. Vor Kiev geriet er in deutsche Gefangenschaft, arbeitete aber bald als freier Mann in einer Stadt an der Oder. Als die Rote Armee kam, wurde er zurück in seine ukrainische Heimat geschickt, doch wegen angeblichen Landesverrats zu 15 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Er schuftete in einer Goldmine. Nach 5 Jahren wurden seine Haftbedingungen wesentlich erleichtert. Seine russische Frau, die ihm die Treu gehalten hatte, durfte zu ihm ziehen. Das Paar bekam Kinder und konnte nach einiger Zeit wieder in die Ukraine zurückkehren. In den 90erJahren kam der Mann mit Frau, Tochter und Enkelin nach Deutschland.

Ich ermuntere alte Menschen immer wieder ihre Lebensgeschichte selbst aufzuschreiben. Nicht nur deshalb, weil sonst viel an erlebter Geschichte verloren geht. Mir jedenfalls helfen die Lebensberichte eine mutmachende Botschaft zu entschlüsseln, die schon im Alten Testament, im Buch des Propheten Jesaja zu lesen ist. Dort steht ein Wort Gottes, der über sich sagt: "Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen,
bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten."

II.

"Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!" Die Bedeutung dieses Satzes haben mir zwei alte Frauen nahegebracht. Mit großem Respekt denke ich an sie. Beide wurden über 90 Jahre alt. Beide sind im letzten Jahr verstorben.

Die eine war klein. Ihr Gesicht wurde von einer großen Nase geprägt. Darüber hellwache Augen, immer wieder schaute sie mich daraus verschmitzt an. Sie stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus, war in einer Stadt an der Oder groß und Geigerin geworden. Als junge Frau
traf sie die Liebe ihres Lebens. Ihr Mann hatte sich bereits als Philosoph und Übersetzer einen Namen gemacht, sich dann aber noch zum Medizinstudium entschlossen. Vor Anfang an arbeitete er im Widerstand gegen Hitler mit. Sie unterstützte und bestärkte ihn darin, wo sie konnte. Ihr Mann und sie begründeten ihren Widerstand mit ihrem christlichen Glauben. Sie zählten sich zur Bekennenden Kirche. Der Führerkult war ihnen deshalb zutiefst zuwider. Häufiger mußten sie umziehen, um ihre Spuren zu verwischen. Sein Medizinstudium absolvierte der Mann
versteckt in einem Dorf. Er wurde im Krieg Militärarzt. Mit allen möglichen Tricks schaffte er es, verwundete Soldaten solange wie möglich von der Front fern zu halten. Seine Frau half ihm als Krankenschwester dabei. Vielen haben sie so vermutlich das Leben gerettet.

Die andere alte Frau war nie verheiratet. Sie stammte aus einfacheren Verhältnissen. Ihr Vater war Eisenbahner gewesen. Sie hatte etwas von einer "Eisernen Lady" an sich. Noch als 90jährige ging sie die Treppen zu ihrer Wohnung im 5. Stock an Krücken mehrmals täglich hinauf und hinunter. Wenn sie mich traf, sagte sie: "Man darf sich halt nicht hängen lassen!" Rauhe Schale, weicher Kern - das traf auf sie zu. Als sie bei Ausbruch des 2. Weltkrieges ihren Einberufungsbefehl bekam, ging sie einfach nicht zur vorgeschrieben Sammelstelle. Von der Gestapo zur Rede gestellt, trat sie so fest und mit so vielen "Haaren auf den Zähnen" auf, daß man sie gehen und ihren Beruf in der Diakonie weiter ausüben ließ.
Mit so einer Querulantin würde man in der Truppe nur Ärger haben.

Bei ihrer Beerdigung bestand ein kleines, fünfjähriges Mädchen darauf das Lied "Ade zur guten Nacht" zu singen. Die alte Dame hatte es dem Mädchen abends vor dem Schlafengehen immer vorgesungen. Sie war für das kleine Mädchen eine Art Ersatz-Großmutter gewesen. Als sie das Lied gesungen hatte, bedankte sich das kleine Mädchen mit einfachen Worten für alles, was ihr die "Oma" beigebracht hatte.

Das kleine Mädchen sprach mir aus dem Herzen. Ich war und bin dankbar dafür, was sie mich in ihren Erzählungen - ebenso wie jene andere alte Dame - gelehrt hatte: Christliche Zivilcourage ist lebbar. Man muß nicht nur, man kann Gott mehr gehorchen als den Menschen.

III.

Man darf sich nichts vormachen. Das Alter kann beschwerlich sein. Die körperliche und geistige Frische kann nachlassen. Schwere Beeinträchtigungen können sich einstellen. Aber auch das Gegenteil ist möglich. Im Älterwerden und im Altsein kann auch Befreiung enthalten sein. In einer Welt, in der man sich viel auf seine Jugendlichkeit zugute halten soll, wird das oft übersehen.

"Da hast Du aber alt ausgesehen!" Das wird bisweilen zu jemandem gesagt, der sich blamiert hat oder einer Aufgabe nicht gerecht geworden ist.
"Du siehst aber noch jung aus!" Das bekommen ältere Menschen zu hören, die sich, wie man so sagt, "gut gehalten haben". Diese sprachlichen Beobachtungen zeigen: Jugendlichkeit ist ein Ideal, Altsein ist es nicht.
Die meisten möchten lange leben, alt werden. Alt sein hingegen will keiner. Dabei ist Alter keine Schande. Es ist natürlich. Es kommt mit den Jahren. Außerdem ist das Jungsein nicht bloß erstrebenswert. Ich jedenfalls bin froh, dass ich kein Schüler mehr bin und so manches lernen soll, dessen Bedeutung mir verborgen bleibt. Ich habe gerne studiert. Doch war ich froh als alle Prüfungen vorbei waren. Jetzt prüfe ich - in Schule und Examen. Und ich genieße es, dass die Windelphase längst vorbei ist und ich etwa mit unserem Sohn ganz ernsthafte Gespräche führen kann.

Von Hiob im Alten Testament wird berichtet, dass er viel Schweres zu ertragen hatte. Es gab eine Zeit in seinem Leben, da hatte er eine Hiobsbotschaft nach der anderen über sich ergehen lassen müssen. Unglück und Krankheit waren über ihn hereingebrochen. An Gott hielt er trotzdem fest. Die Fülle des Lebens hatte sich wieder eingestellt. Darüber war Hiob alt geworden.

Am Ende des Buches Hiob wird schließlich geschildert, dass Hiob sein Leben loslassen konnte, wie ich es mir einmal für mich wünsche: Gewissermaßen aufzustehen wie nach einem guten Mahl, bei dem ich gesättigt wurde, ohne es satt zu haben, dankbar für die Fülle, die Gott in mein Leben hineingelegt hat: "Und Hiob starb alt und lebenssatt."

Alles im Leben hat sein Zeit. Das Altwerden gehört dazu. Das Altsein auch. Zwar schützt bekanntlich Alter vor Torheit nicht. Doch Jugend tut es
auch oder erst recht nicht. So mag Lebenserfahrung zu Lebensweisheit führen. Erst recht gehört zum Alter die Erfahrung, vieles hinter sich zu haben, das einen nicht nur erfreut, sondern auch belastet hat.
Die Freiheit von Verpflichtungen stellt sich ein. Dem Getriebe kann Gelassenheit weichen. Ich muß nicht mehr müssen. Gut, dass im Leben alles eine Zeit hat. Und so kann man am Ende ruhig, im eigentlichen Sinn des Ausdrucks, einmal "alt aussehen" und die Feststellung treffen, dass Alter durchaus eine Gnade sein kann. Natürlich weiß ich nicht, ob ich mein Alter so erleben werde. Aber ich hoffe darauf, dass ich mein Leben einmal so loslassen kann und darf.

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