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     Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen
 


Predigt zu Markus 12, 28-34
18. Sonntag nach Trinitatis
19.Oktober 2003

Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, daß er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften". Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Und als Jesus aber sah, daß er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde!

Zwei fromme Juden sind sich einig. Vermutlich tun sie beide, was ihnen ihre Tradition gebietet. Da soll jeder männliche Israelit morgens und abends das Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott rezitieren. Und das in einer Umwelt, die viele Götter kannte. Bis heute tragen Juden dieses Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott in den Gebetskapseln, in den so genannten Tefillin, die sie sich mit Riemen festbinden, bei ihren Gebeten morgens und abends auf der Stirn. Der Text des Bekenntnisses lautet: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

Zwei fromme Juden sind sich einig. Sie kennen die Thora, die fünf Bücher Mose gut. Vermutlich haben sie viele Stellen daraus, vielleicht gar die ganzen fünf Bücher auswendig gelernt. Sie wissen, dass im 3. Buch Mose (Leviticus 19,18) das Gebot zu finden ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Dieses Gebot steht dort in einer Gesetzessammlung, die in der Lutherbibel überschrieben ist mit "Gesetze zur Heiligung des täglichen Lebens."

Zwei fromme Juden sind sich einig. Das ist keineswegs selbstverständlich. Noch heute sagen Juden über ihre Schriftgelehrten gelegentlich dies: "Wenn drei Rabbiner beieinander stehen, gibt es fünf verschiedene Meinungen." Solche Meinungsverschiedenheiten können sich schnell zum Streit auswachsen. So auch hier. "Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten." Vor den Worten, die wir hier miteinander bedenken, ist Jesus in einen heftigen Streit mit einigen Vertretern der Sadduzäer verwickelt. Es geht um eine handfeste Auseinandersetzung. Die Sadduzäer gehörten einer Religionspartei im Judentum zur Zeit Jesu an. Zu dieser Religionspartei gehörten die vornehmen Priestergeschlechter und die Vertreter der weltlichen Aristokratie. Die Sadduzzäer lehnten alles ab, was nicht in der Thora stand. Dazu gehörte auch der Glaube an die Auferstehung der Toten. Darum war es auch in dem Streit Jesu mit den Sadduzäern gegangen, den jener Schriftgelehrte mit angehört hatte. Jesus hatte diesen Streit beendet mit dem Satz: "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden." Und dazu den Vertretern der Saddzuäer ins Gesicht gesagt. "Ihr irrt sehr." In diesem Gespräch wurde gewiß keine Einigung erzielt.

Anders in dem Gespräch, das wir hier miteinander bedenken. Da sind sich zwei fromme Juden einig. Der eine ist eben der namenlose Schriftgelehrte, der dem Streit Jesu mit den Sadduzäern zuhört. Der andere ist Jesus, den wir Christen unsern Herrn nennen. Ihre gemeinsame Tradition ermöglicht diese Einigkeit. Die Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe hat Jesus also nicht erfunden. Es kann aber gut sein, dass er der erste war, der sie zusammengeordnet hat. Der Schriftgelehrte jedenfalls pflichtet ihm bei: "Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer."

Worin sind sich der fromme, unbekannte jüdische Schriftgelehrte und Jesus eigentlich einig? Die Liebe zu Gott wird uneingeschränkt verlangt. Das Gebot der Nächstenliebe allerdings nennt einen endlichen Maßstab für die Liebe: "Du sollst deinen Nächsten 'lieben wie dich selbst'. "Gott fordert totale Hingabe, der andere Mensch aber verlangt eine Hingabe, die ihr Maß in der Liebe zu sich selbst findet." (G.Theißen) Einfach ausgedrückt bedeutet dies: Ich kann als Mensch nur dann ein gutes Verhältnis zum anderen haben, wenn ich auch ein entsprechendes Verhältnis zu mir selbst habe. Und ich muss mich nicht für den anderen aufopfern, weil das der Liebe zu mir selbst schadet. Nächstenliebe ist nicht Selbstaufgabe. Und umgekehrt bedeutet das Gebot der Nächstenliebe zugleich eine Begrenzung der Selbstliebe. Behalte ich den Nächsten und seine Bedürfnisse im Blick verkommt meine Liebe zu mir selber nicht zum Egoismus.

Sich an dieses Gebot zu halten fällt noch einigermaßen leicht. Weitaus schwieriger ist es allerdings für uns Menschen, sich an das Gebot der unbedingten Liebe zu dem einen Gott zu halten. Das war schon so als dieses Gebot zum ersten Mal erging. Es steht in einem höchst aufschlußreichen Zusammenhang. Mose war auf den Berg Sinai gegangen und hatte die Zehn Gebote erhalten. Er teilt sie nach seiner Rückkehr vom Berg Sinai seinem Volk mit. Darunter auch das erste Gebot: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Um dieses Gebot zu verstärken wurde das Bekenntnis und die Mahnung hinzugefügt: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." Offensichtlich war das nötig. Denn als Mose noch einmal auf den Berg geht, um die Zehn Gebote auf zwei steinernen Tafeln zu empfangen, aber länger wegbleibt als es dem Volk geheuer ist, machen sich die Israeliten aus ihrem Schmuck ein goldenes Kalb und tanzen darum herum. Wenn es dabei auch vordergründig um die Fruchtbarkeit geht, so geht es letztlich doch um das von Menschen selbst Gemachte, also um Selbstdarstellung. Das hat Folgen. Als Mose mit den Gesetzestafeln vom Berg herunterkommt und, wie die Bibel berichtet, "nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn, und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab's den Israeliten zu trinken."

Das Gebot der Gottesliebe wehrt aller Selbstdarstellung. Es will, dass wir nicht uns selbst, sondern Gott die Ehre geben. Es geht in diesem Gebot also um die Anbetung des einen, wahren und einzigen Gottes. Ohne diese Anbetung steht das Leben immer in der Gefahr zur reinen Selbstdarstellung menschlicher Fähigkeiten und Eitelkeiten zu verkommen. Darüber kann ein von Gott Berufener, darüber kann einer wie Mose nur zornig werden. Er will ja, dass das Leben der ihm Anvertrauten zum Heil, der Weg der ihm Anvertrauten ins gelobte Land führt und ihr Leben eben nicht am Ende versickert wie Wasser im Wüstensand.

In der Regel geschieht in einer christlichen Kirche die Anbetung mit dem Blick auf den Altar. Und Liturg oder die Liturgin sprechen die Gebete mit und stellvertretend für die Gemeinde am Altar. Dort verdichtet sich so der Kern unseres Glaubens:

Jesus Christus wurde für uns zum Opfer gemacht. Jeder Altar in jeder christliche Kirche erinnert daran. Jesus Christus wurde geschmäht, bespien, gepeinigt, er hat gelitten, Qualen ausgestanden, ist hinabgestiegen in das Reich des Todes. Doch auf den meisten christlichen Altären steht oder hängt wie bei uns über dem Altar das Kreuz Christi als Triumphkreuz. Es wird uns wie ihm ergehen. Zu ihm sagen wir: "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser." Und in der Zusage der Vergebung versuchen wir unser von Fehlern beschwertes Leben voranzubringen. Gewiß: noch leiden wir, noch sterben wir den Herztod, den Krebstod, den Verkehrstod und wie die Todesarten alle heißen mögen, noch haben wir Qualen auszustehen, noch machen Menschen einander zu Opfern, wir weinen noch, wir schreien noch, wir sehnen uns noch nach Erlösung. Aber wir haben vor Augen, daß es uns gehen soll wie Christus, dessen Triumphkreuz bei uns über dem Altar wie eine stille Verheißung hängt: "... und Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen."

Zwei fromme Juden sind sich einig. Jesus und jener unbekannte Schriftgelehrte. Der Evangelist Markus berichtet von diesem Gespräch damit wir es halten wie dieser Unbekannte. Wir werden eingeladen, wenn es um die Gebote der Gottesliebe und der Nächstenliebe geht, uns mit Jesus einig wissen. Nächstenliebe gehört zum Wesen des Christentums. Aber erst recht die Liebe zu Gott. Ihn anzubeten öffnet den Blick für Gottes neue Welt und hält die Hoffnung darauf wach. Und so bewahre der Friede Gottes welcher höher ist denn all unsere Vernunft unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

Amen

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