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     Im Anfang war das Wort
 


Johannes 1, 1-14

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht.
Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und sie Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

I.

Im Anfang, liebe Gemeinde, war das Wort. Das ist eine kühne Feststellung. Ohne dieses Wort, ohne dieses eine Wort Gottes, wäre immer noch nichts. "Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war
im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist." Keine Schöpfung ohne das Wort Gottes. Eine kühne Feststellung. Längst gibt es andere Vorstellungen vom Anfang, auch eine naturwissenschaftliche: die Urknalltheorie.
Die Wahrscheinlichkeit aber, daß die Welt auf diese Art und Weise, also durch die Explosion einer wie auch immer gearteten Gaswolke entstanden ist, ist unwahrscheinlich unwahrscheinlich. Sie hat nur einen Wahrscheinlichkeitsgrad - und das wird häufig verschwiegen - von 1:10 hoch 130. Der dann auftretende Erkenntnisnotstand, wie bei diesem unvorstellbaren hohen Grad an Unwahrscheinlichkeit die Welt durch einen Urknall geworden sein soll, wird durch das Wort Zufall verhüllt.

Dies wiederum ist ein Beispiel für die Macht des Wortes. Worte erklären nicht nur, offenbaren nicht nur einen Sachverhalt, sie können ihn auch verschleiern, beschönigen, verdrehen. Wenn jemand besonders gut mit Worten umgehen kann, dann sagen wir, er sei wortgewaltig. Mit Worten wird Macht ausgeübt. Worte sind darum wirkmächtig. Sie schaffen Wirklichkeiten. Es gibt Worte, in denen können wir uns regelrecht unterbringen. Sie tun uns mächtig wohl. Wenn einer zu uns etwa sagt: "Das hast du gut gemacht!" Wenn zu uns jemand sagt: "Du bist mir recht! Ich liebe dich!" Dann schmiegen wir uns in diese Worte hinein, lassen uns von ihnen bergen wie ein Vogel in seinem Nest. Fehlen hingegen solche Worte der Anerkennung und der Zuneigung, dann sind wir unbehaust. Wenn keiner mehr ein gutes Wort für uns übrig hat, dann fühlen wir uns verloren.

Demagogen aller Zeiten wußten immer um die Macht der Worte. Durch Worte machen und machten sie sich zur Meistern der Macht. Ihre Gewalt über die Worte gebiert Worte der Gewalt. Die kommen oft ganz harmlos daher. Hinter "gerechtem Volkszorn" verbirgt sich dann aber Enteignung, hinter "Sonderbehandlung" Deportation und hinter "Endlösung" Massenvernichtung. In diesen Worten ist Tod, kein Leben.

II.

Ganz anders aber das Wort Gottes. In ihm ist Leben. Von Anfang an. "In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen." Gott gibt uns sein Wort darauf. Sein Versprechen heißt Jesus Christus: "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes, vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." Doch der eine Herr "Jesus Christus, Gottes eingebornen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater" wird von vielen nicht erkannt. Meistens fängt es bei dem Wort an, das man nicht stehen lassen kann, obgleich Luther doch allen eingeschärft hat, er wußte wohl warum - "das Wort sie sollen lassen stahn!" Die, die
mit dem Wort Gottes umzugehen haben, die mit diesem Wort und seinen Wörtern umgehen können sollen, sind oft als erste der Gefahr ausgesetzt, es nicht stehen zu lassen. Geradezu klassisch hat das Goethe in seinem "Faust 1. Teil" in Worte gefaßt:

"Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würdger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängts, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.
Er schlägt ein Volum auf und schickt sich an.
Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!"
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!"

"Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ich nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben." Jesus Christus
ist das eine Wort Gottes, schon im Anfang bei ihm, und darum Licht der Menschen. Wie wir uns zu diesem Wort Gottes verhalten zeigt, welch Geistes Kind wir sind.

III.

Das Johannesevangelium wird einundzwanzig Kapitel lang nicht müde, uns dies einzuschärfen. Es geht dabei von einer Unterscheidung aus. Da sind die, die Jesus Christus als das von Anfang an eine Wort Gottes stehen, gelten lassen und ihn darum als "Gott von Gott, Licht vom Licht" anbeten. Und da gibt es andere. So gab es in der frühen Christenheit etliche, die sozusagen sagten: "Am Anfang war die Tat!" Sie meinten, Christus sei
erst durch die Taufe durch den Täufer Johannes zum Sohn Gottes geworden. Durch die Tat eines Menschen also sei aus Jesus von Nazareth Gottes Sohn geworden. Von ihnen grenzt sich das vierte Evangelium ab. Längst ist dieser Konflikt vergessen. Ein anderer allerdings, die Abgrenzung vom Judentum, hat lange nachgewirkt.

Das so genannte Apostelkonzil von 48 n. Chr. gilt, in organisatorischer Hinsicht, als Geburtsstunde der christlichen Kirche. Zunächst blieben die Christen aber eine innerjüdische Gruppierung. Sein Ergebnis war, daß Paulus die Heiden missionieren, während der Apostel Petrus sich den Juden zuwenden sollte. Offenbar war Paulus erfolgreicher als Petrus. Zwar gab
es eine judenchristliche Gemeinden, vor allem die in Jerusalem, für die Paulus unter anderem auf seinen Missionsreisen Geld sammelte, weil sie sich aus vielen Armen zusammensetzte. Doch war die Zahl derer, die einst griechische und andere Götter angebetet hatten und sich dann zu einer christliche Gemeinde zusammenfanden, größer. Die Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. in Jerusalem durch die Römer war ein schwerer Schlag für die Juden. Das Zentrum ihres Kultus existierte nicht mehr. Die Priesterkaste der Sadduzäer, die mehr oder weniger offen lange Zeit mit den Römern gemeinsame Sache gemacht hatte, hatte ausgespielt. Der Laienbewegung der Pharisäer, die das mosaische Gesetz besonders streng beachtete, gelang eine große Leistung. Sie schaffte es, das Judentum
neu zu organisieren, indem sie die Bedeutung der heiligen Schriften herausstellte. Die 39 Schriften der hebräischen Bibel, die wir Christen übernommen haben und Altes Testament nennen, wurden auf der Synode von Jamnia 90 n. Chr. als verbindlich erklärt. Neben aller Anerkennung dieser Schriften, war den Christen aber das Bekenntnis zu Christus wichtiger. Es kam daher häufiger vor, daß sie aus der Synagoge ausgeschlossen wurden, was erhebliche soziale Nachteile mit sich brachte. Die 12. Benediktion des jüdischen Achtzehn-Bitten-Gebets wurde gar zwischen 85 und 90 n. Chr. erweitert. Dem bis dahin geltenden Text:
"Den Abtrünnigen sei keine Hoffnung, und die überhebliche Herrschaft
rotte schnell aus in unseren Tagen" wurde hinzugefügt: "Und die
Nazarener und die Minim (Ketzer) mögen plötzlich zugrunde gehen.
Sie mögen ausgewischt werden aus dem Buch des Lebens und mit den Gerechten nicht hineingeschrieben werden."

Die Antwort aus den zahlenmäßig kleinen judenchristlichen Gemeinden ließ nicht lange auf sich warten. Im Johannesevangelium, entstanden bald nach 90 n. Chr., legt der Evangelist im 8. Kapitel (8,44) Jesus diese Worte an die Juden in den Mund: "Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun." Während die Juden die Verwünschung der Nazarener aus dem Achtzehn-Bitten-Gebet strichen, blieben diese und andere Worte erhalten, auf denen der christliche Antijudaismus gründen konnte, der dann wiederum eine der Wurzeln des Antisemitismus mit seinen verheerenden Folgen war. Das müssen wir voller Scham eingestehen.

IV.

Diese Scham kann uns aber nicht daran hindern, das Bleibende der Johannes-Evangeliums herauszustellen. Es ist überwiegend für nicht gegen jemand geschrieben. Es will Christen Mut zum Bekenntnis machen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. ... Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns...". Ein Bekenntnis zu haben und dazu zu stehen, richtet sich nicht gegen Andersgläubige. Es ermöglicht zuallererst Selbstkritik. Aber eben auch Vergewisserung. Und Mut zur Kühnheit des christlichen Glaubens! Die wird in der Johannes-Passion Johann Sebastian Bachs in diese Worte gefaßt:

"Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten
Und lasse dich nicht,
Mein Leben, mein Licht.
Befördre den Lauf
Und höre nicht auf,
Selbst an mir zu ziehen, zu schieben, zu bitten."

Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist denn all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.
Amen.

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