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| Vom Umgang unter Freunden | |||||
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SWR 1: I. "Freunde in der Not, gehen tausend auf ein Lot!" So sagt ein Sprichwort. Sprichwörter bringen immer verbreitete Erfahrungen zur Sprache. Offenbar sind Freunde in der Not selten. Ein Belastungstest für eine Freundschaft ist zum Beispiel meistens dann gegeben, wenn es ums liebe Geld geht. Beim Geld hört bekanntlich für viele die Freundschaft auf. Dann wollen einem die einen kein Geld leihen, weil sie es nicht können - und die anderen können es nicht, weil sie es nicht wollen. Wahre Freundschaft aber hält Belastungen stand, die Geldsorgen gering erscheinen lassen. Hiob ist es so ergangen. Das Alte Testament berichtet davon. Hiob war begütert und lebte im Glück. Dann aber brach das Unglück über ihn herein, eine "Hiobsbotschaft" jagte die andere: Erst wird ihm die Habe genommen, dann die Nachkommen, schließlich wird Hiob krank, todkrank. Doch immerhin - Hiob hat drei treue Freunde: Elifas, Bildad und Zofar. Als sie von seinem Unglück erfahren, kommen sie überein, ihm gemeinschaftlich beizustehen. Bei Hiob angelangt, erkennen ihn seine Freunde zuerst nicht - so sehr ist er von Geschwüren entstellt. Und da sie gekommen sind, um Hiob, wie die Bibel berichtet, "zu beklagen und zu trösten" ...."erhoben sie ihre Stimmen und weinten... und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war." Wohl dem, der solche Freunde hat! Das Trio der Tröster kommt nicht einfach und stimmt Sätze an wie: "Das wird schon wieder! Alles halb so schlimm! Auf Regen folgt Sonnenschein!" Solchen trostlosen Plattheiten versagen sich Hiobs Freunde. Wie Hiob hat auch den Freunden sein Leid die Sprache verschlagen. Daß sie mit ihm gemeinsam schweigen hilft Hiob wieder Worte zu finden. So kann er sich das von der Seele reden, was ihn belastet. Er hadert mit Gott und klagt ihm nicht nur sein Leid, sondern klagt ihn an. Das aber ist den Freunden nun doch zu viel. Sie halten ihm vor: "Es muß einen Zusammenhang geben zwischen Vergangenheit und Gegenwart! Ja, vermutlich bist du selbst schuld daran wie es dir jetzt geht!" Hiob aber verneint diesen Zusammenhang. Er ist sich keines Vergehens bewußt, das solch schweres Leid als Strafe rechtfertigen würde. Offenbar gibt es Erfahrungen, die auch die besten Freunde nicht verstehen - selbst, wenn sie in der Not zur Stelle sind. Es gibt Leid, das auch der beste Freund nicht erklären und dadurch mildern könnte. Wohl dem, der in seiner Freundschaft zu Gott dann noch Halt findet, selbst wenn sie sich fast nur in Klagen und Anklagen äußert. Hiobs Treue jedenfalls wird am Ende belohnt. Gott erwidert Hiobs Freundschaft und Treue. Hiob kommt zu neuem Wohlstand, ihm werden erneut Nachkommen geboren - und am Ende des Buches Hiob heißt es: "Und Hiob starb alt und lebenssatt." II. Gott sei Dank sind Freundschaften nicht immer solchen Belastungen ausgesetzt wie sie Hiob und seine Freunde erlebt haben. Doch immer wieder gibt es Situationen, in denen sich eine Freundschaft bewähren muß. Bei schweren Entscheidungen etwa erwartet man von einem Freund Rat und Hilfe. In dieser Hinsicht ist für mich persönlich meine Frau meine beste Freundin. Wir sind nun schon fast 25 Jahre verheiratet und immer wieder hat mir ihr Rat weitergeholfen. Da sie Amerikanerin ist, haben wir in unseren ersten Ehejahren abwechselnd in den USA und in Deutschland gelebt. In dem einen Land hatten wir immer Sehnsucht nach dem anderen. Nach dem letzten längeren Aufenthalt in Amerika wollten wir dieser inneren Zerissenheit ein Ende bereiten. Darum entschieden wir uns dazu, ganz hier in Deutschland zu leben. Es war gleichsam so als ob meine Frau zu mir sagen würde: "Wo du hingehst, da will ich auch hingehen...". Inzwischen hat sie in Deutschland als Ausländerin ganz und gar ihre Heimat gefunden. Das ist ihr nicht bloß leicht gefallen. Doch kann es sensibel und umsichtig machen, mit Gegebenheiten eines Landes umgehen zu lernen, in dem man nicht aufgewachsen ist. Darum höre ich gerne auf den Rat meiner Frau. Natürlich bei weitem nicht immer. Und dann gibt es lange Diskussionen über das, was etwa privat oder beruflich für uns richtig ist. Doch ändert das nichts an unserer treuen Verbundenheit zueinander. Dem Rat eines Freundes oder einer Freundin nicht zu folgen, muß der Freundschaft in der Tat keineswegs schaden. Im Gegenteil - Treue ist wichtiger als Gehorsam. Das Buch Ruth im Alten Testament handelt davon. In der Lutherbibel wird die Inhaltsübersicht zu dieser Schrift mit einem einzigen Satz wiedergegeben: "Eine Ausländerin findet Heimat in Israel." Hinter diesem Satz verbirgt sich die anrührende Geschichte von der Freundschaft zweier Frauen, die einander treu verbunden sind. Während einer Hungersnot zieht Naomi mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen von Israel ins Nachbarland Moab. Bald nachdem sie dort angekommen sind, stirbt Naomis Mann. Sie bleibt mit ihren beiden Söhnen allein zurück. Die Söhne heiraten moabitische Frauen. Eine davon heißt Ruth. Doch nach ungefähr zehn Jahren sterben auch die beiden Söhne Naomis. Die drei Frauen stehen ohne männliche Versorger da. Auch Kinder gibt es keine. Naomi will zurück nach Bethlehem und rät ihren beiden Schwiegertöchtern in ihre Elternhäuser zurückzukehren, damit ihre Versorgung gesichert ist. Die eine Schwiegertochter folgt dem Rat ihrer Schwiegermutter, Ruth jedoch nicht. Sie will ihrer Schwiegermutter in deren Heimat Israel folgen. Ihre Treue ist Ruth wichtiger als ihre Versorgung und die Verbindung zur Familie ihrer Herkunft. Und so sagt sie zu ihrer Schwiegermutter jene Sätze, die heutzutage immer wieder gerne bei einer kirchlichen Trauung aufgenommen werden, um der Unverbrüchlichkeit der Beziehung des Paares Ausdruck zu verleihen: "Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott."
III. Zur Freundschaft gehören Treue, Trost, Rat und Hilfe. Zur Freundschaft gehört aber auch die Erfahrung, daß wir das Leid des Freundes möglicherweise nicht lindern können. Zur Freundschaft gehört außerdem die Auseinandersetzung. Es kommt eben vor, daß sich Freunde nicht einig sind. Wir erleben das gerade in den deutsch - amerikanischen Beziehungen. Politiker sprechen zwar von Freundschaft oder von ihren "politischen Freunden". Häufig sind damit aber Zweckbündnisse und weniger menschliche Beziehungen gemeint. Doch gibt es zwischen Amerikanern und Deutschen zur Zeit wegen des Irakkonflikts ein tiefes Zerwürfnis, das sich nicht einfach bloß darauf zurückführen läßt, daß die "Chemie" zwischen unserer jetzigen Regierung und der Bush - Administration nicht stimmt oder ein Zweckbündnis nicht zustande kommt. Die deutsch - amerikanische Freundschaft hat zahlreiche Gründe. Einige wenige will ich nennen. Zwischen 1820 und 1970 stellen die Deutschen die größte Einwanderungsgruppe in den USA. Viele Amerikaner haben so deutsche Vorfahren und darum eine Beziehung zum Land ihrer Ahnen. Und obgleich wir als Deutsche nicht alles schätzen, was aus Amerika kommmt, so imponiert vielen Deutschen doch die amerikanische Freiheitsliebe und Großzügigkeit, die demokratischen Traditionen Amerikas und die Tatsache, daß die Amerikaner Deutschland nach dem 2. Weltkrieg zu einer stabilen Demokratie verholfen haben. Bei allen Differenzen haben sich so über die letzten Jahrzehnte zwischen Deutschen und Amerikanern tiefe Übereinstimmungen in Werten und Anschauungen ergeben, die die Basis für eine stabile Freundschaft bilden. Um so gravierender nun das Zerwürfnis über das Eingreifen im Irak. Viele Deutsche verstehen die Amerikaner nicht mehr. Die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington haben in der Seele der Amerikaner tiefe Wunden geschlagen. "So etwas darf uns nicht noch einmal passieren!" - so lautet die einhellige öffentliche Meinung in Amerika. Darum hat man zum einen die Heimatschutzbehörde gegründet, zum anderen nehmen sich die Amerikaner das Recht heraus, nicht nur gegen das Terrornetzwerk von Al-Quaida vorzugehen, sondern auch gegen so genannte "Schurkenstaaten", die sie als Hort des Terrors ansehen. Darum wollen sie gegen den Irak einen Präventivkrieg, also einen Angriffskrieg führen. Viele Europäer sehen darin das, was es ist: ein Bruch des Völkerrechts! Gerade Deutsche wissen um das Leid, das durch einen Angriffskrieg über Unschuldige gebracht wird. So kann man einen Angriffskrieg gegen den Irak nicht
befürworten. Wie aber wird man den Despoten Saddam Hussein los,
der sein Volk knechtet? Ich denke, daß Ehrlichkeit der deutsch
- amerikanischen Freundschaft dienlich ist. Sie wird in den nächsten
Wochen einer großen Belastungsprobe ausgesetzt. Die unterschiedlichen
Auffassungen in Amerika und Deutschland werden bleiben. Viel ist darum
schon gewonnen, wenn auf beiden Seiten des Atlantiks ein Wort aus dem
Alten Testaments beherzigt wird: "Streu keine Lügen aus über
deinen Freund!" |
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