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     Das Geheimnis des Glaubens
 


Predigt zur Christvesper
am 24. Dezember 2001 in der Stadtkirche

1. Timotheus 3, 16:
Und groß ist, wie jedermann bekennen muß, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Groß, liebe Gemeinde, ist das Geheimnis des Glaubens. Und das gefällt uns nicht. Wir stehen wie unter einem Zwang. Wir müssen vom Baum der Erkenntnis essen, täglich aufs neue. Wir kommen aus diesem Erkenntniszwang, der sich oft genug als Erkenntnisdrang vorstellt, aus eigener Kraft nicht heraus. Wir wollen es auch gar nicht. Zu verlockend ist es, sich Erkenntnis einzuverleiben. Darum erforschen wir Menschen uns selbst, die Welt, die Gesellschaft, das Universum. Im Großen und Kleinen. Wir bringen das Leben voran, machen es leichter durch Erfindungen. Und schaffen dabei doch wieder neue Probleme. Das Auto etwa macht uns wunderbar mobil. Es bringt uns schnell und leicht von A nach B. Und doch ist es zugleich auch eine Belastung für die Umwelt und trotz aller Vorkehrungen sterben jährlich Tausende auf unseren Straßen. Die Atomkraft läßt sich friedlich nutzen, birgt aber zugleich ein Sicherheitsrisiko und kann gar in einer Bombe untergebracht werden. Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig verlängern. Wir Menschen sind voll des guten Willens. Wir wollen nur das Beste. Doch oft genug kommt das Gegenteil heraus: "Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich." So hat es der Apostel Paulus beschrieben. Im Streben nach paradiesischen Zuständen kann sich der Schlund der Hölle auftun.

So hat der 24. Dezember als einziger Tag im christlichen Kalender zwei Namen: "Adam und Eva" und eben Heiligabend. In manchen Familien war und ist es üblich an diesem Tag vor der verschlossenen Tür zum Zimmer mit dem Weihnachtsbaum und den Geschenken die Geschichte vom Sündenfall aus dem 1. Buch Mose zu lesen; also an die Geschichte zu erinnern wie durch das Essen Adams und Evas vom "Baum der Erkenntnis" das Böse in Welt gekommen ist und darum die Cherubim, die Engel "mit dem flammenden und blitzenden Schwert" den Zugang zum Paradies verwehren - "und", wie es heißt, "bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens." Dann wurde und wird in diesen Familien das Weihnachtsevangelium gelesen, schließlich gesungen "Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis." - und dann erst das vom Christbaum hell erleuchtete Weihnachtszimmer betreten.

Groß, liebe Gemeinde, ist das Geheimnis des Glaubens. Groß muß es in der Tat sein, sonst hätte die Welt mit ihrem Glanz und ihrem Elend darin keinen Platz. Besonders zu Weihnachten versuchen wir uns dieses Geheimnis zu erschließen: durch unsere familiären und kollektiven Bräuche, durch unser Nachdenken und Forschen, ja, die ganze Theologie ist ein einziger Versuch, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, um dann doch irgendwann einmal festzustellen: "Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren...". Doch dabei bleibt es, im wahrsten Sinne des Ausdrucks, Gott sei Dank, nicht. Er macht sich auf den Weg zu uns: "es streit' für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren: Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, (der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,) das Feld muß er behalten." Das Feld der Erkenntnis Gottes, das sich uns da auftut, ist ein weites Feld, aber allemal eines, auf dem wir nicht verloren gehen, denn schließlich ist "Christ, der Retter, da". In der Anbetung öffnet sich, was wir mit dem Verstand nicht fassen. Das haben schon jene verstanden, die ihn, den menschgewordenen Sohn Gottes, in einem Christushymnus, in einem Lied besungen haben. Es bringt Erde und Himmel, Gott und Mensch zusammen. Drei kleine Strophen genügen.

"Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist...". "Der Herr der Herrlichkeit, der König aller Königreich, der wird ein Kindlein klein...". Gott offenbart sich "im Fleisch", in der Welt, wie wir sie kennen. Und das ist eine Welt, in der gestillt und gekillt, geliebt und gehaßt, geheilt und getötet wird, in der Großartiges und Banales, Herzerwärmendes und Grausames geschieht, eine Welt voller Treue und voller gebrochener Versprechen, eine Welt, in der Gefängnisse und Galerien, Einkaufszentren und Einfamilienhäuser, Krankenhäuser und Kasernen gebaut werden. In diese Welt begibt sich der "ewigreiche Gott". "Er bleibt nicht abseits oder jenseits dessen, was wir in ihr tun und erleiden, aufbauen und kaputt machen. Gott teilt in Jesus unser menschliches Leben. Und ihm ist da nichts erspart geblieben. Das Erlebnis des ersten Lebenstages: in dieser Welt macht keiner freiwillig dem anderen Platz. Und wenig später schon auf der Flucht. Wenn Machthaber oder solche, die es gerne wären, Angst haben, haben Machtlose nichts zu lachen. Und dann als Mann: von der eigenen Familie nicht verstanden, als es darauf ankommt, von den besten Freunden im Stich gelassen, verhaftet, von einem unter Druck gesetzten Richter verurteilt, von Schergen angespuckt und ausgefeixt, mit zwei Verbrechern aufgehängt und unter Qualen gestorben. Das sind die Stationen auf dem Lebensweg des Stallgeborenen." (Werner Krusche über 1. Timotheus 3, 16; in: Gottes Sohn ist kommen. Predigten und Bilder zur Weihnacht, hrsg. von Rudolf Landau, Stuttgart 1994, S. 147; Text geändert von D.S.)

Das ist das Geheimnis der heiligen Nacht: Gott hält sich nicht heraus aus der Welt. Gott überläßt die Welt, die nichts von ihm wissen will, nicht sich selbst. Gott bleibt nicht außen vor. Wir bloß unter uns? Dann wären wir ganz und gar uns selbst überlassen - und das wäre letztlich hoffnungslos tödlich. Gott aber hält sich aus dieser Welt nicht heraus, sondern geht in sie hinein, damit wir in uns selbst gefangenen und so häufig nur mit uns selbst beschäftigten Menschen aus uns herausgehen können. Der dreieinige Gott bleibt schließlich selbst nicht unter sich. Er hat es so gewollt: "... gerechtfertigt im Geist." Der das Leiden in und an der Welt mit uns teilt, öffnet gerade so den Himmel für uns. In jeder heiligen Nacht, in der wir uns anrühren lassen von ihrem Geheimnis, tut sich der Himmel für uns auf. Indem wir unsere Kümmernisse und Sorgen, unsere Trauer und Ohnmacht, ja, unsere Tränen hinströmen lassen zu dem menschgeordenen Gottessohn, weitet sich die Welt Gottes um uns und wir "hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns" breitet. So setzt sich die Gewißheit in uns fest, die uns, trotz allem, was uns schwerfällt, getrost leben läßt: "Der Himmel bleibet mir gewiß, und den besitz' ich schon im Glauben. Der Tod, die Welt und Sünde, ja selbst das ganze Höllenheer kann mir, als einem Gotteskinde, denselben nun und nimmermehr aus meiner Seele rauben... Denn Jesus will den Himmel mit mir teilen, und dazu hat er mich erkoren, deswegen ist er Mensch geboren." (J.S. Bach: Kantate "Sehet, welch eine Liebe...)

Und deswegen ist er, wie es in jenem alten Christushymnus, den wir hier miteinander bedenken, weiter heißt "... erschienen den Engeln", und wird er "gepredigt den Heiden." Offensichtlich brauchen auch die Engel eine Erinnerung daran, daß die Menschen des Himmels bedürfen und er nicht bloß für die Engel und ihr Halleluja reserviert ist. Die von den Menschen enttäuschten Engel brauchen eine Erinnerung, daß der Satz "Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, daß wir Gottes Kinder heißen", nicht nur für die himmlischen Heerscharen gilt. Der Himmel soll nicht menschenvergessen sein. Nach dieser Erinnerung ist er aber nicht nur den Engeln erschienen, sondern mit ihnen. Daß war auch nötig, denn sonst hätten wir gottvergessenen Menschen ihn bestimmt im Stall zu Bethlehem übersehen wie so manches, was klein erscheint und doch groß ist. Das große Geheimnis des Glaubens, das so unscheinbar in einem Kind daherkommt, bedurfte allemal der Erscheinung der Engel. Nun aber ist es in der Welt und damit ist es ein offenes Geheimnis, daß der Himmel nicht mehr bloß für die Engel reserviert ist. "Der Cherub steht nicht mehr dafür", sondern der Himmel steht denen offen, die ihren Zwang zum Selbstbezug aufbrechen und verändern lassen durch das Geheimnis des Glaubens.

Und so wird er, der menschgewordene Gottesssohn "gepredigt den Heiden." - Schon zwei Jahrtausende, und noch nicht am Ziel. Die Christusbotschaft, wie wir sie kennen, trägt die Spuren der Völker an sich, durch die sie ging: das Denken der Griechen und ihrer Philosophen, das Rechtsverständnis der Römer, das liebende Erfassen der Germanen - "Heiland" nannten sie ihn - und heute erleben wir, wie Völker Asiens und Afrikas die Offenbarung Gottes in Christus erfassen, zu begreifen suchen, mit ihren eigenen Gedanken nachleben wollen. Freilich: Schon über Bethlehem stand nicht nur der Stern, der die Weisen geführt hatte, sondern auch die Knechte des Herodes waren mit ihren Schwertern zur Hand. Immer wieder wurde und wird versucht, die Botschaft des Gottes, der sich in Jesus Christus offenbart und sich geistreich mitteilt, mit Gewalt aus der Welt zu schaffen. Und dabei ist nicht nur handfeste Gewalt am Werk, sondern vor allem Mächte und Gewalten aller Art sind am Werk, die die Botschaft vom menschgewordenen Gottesssohn so schwach und ohnmächtig erscheinen lassen, wie einst das kleine Kind in der Krippe.

Und doch wird er "geglaubt in der Welt", denn er ist "aufgenommen in die Herrlichkeit". Daß trotz aller Widerborstigkeit, trotz aller Ablehnung Christus Glauben findet, ist nun erst recht ein Geheimnis. Und doch verwandelt es Menschen. So sehr, daß sie sagen und danach handeln können: "Gute Nacht, o Wesen, das die Welt erlesen, mir gefällst du nicht. Gute Nacht, ihr Sünden, bleibet weit dahinten, kommt nicht mehr ans Licht!" (Bach-Kantate: "Sehet, welch eine Liebe") Menschen finden zu diesem Glauben, weil sie sich von Gott finden lassen. Er macht sich nicht mit seiner Macht, sondern mit seiner Liebe auf den Weg zu uns. Seine Macht würde uns verzehren. Seine Liebe verändert uns - so wie sie Christus verändert hat: "aufgenommen in die Herrlichkeit".

Auch an diesem Weihnachtsfest liegt Friedlosigkeit über der Welt. Sicherheiten sind auf ungeahnt grausame Weise zerstört worden. Die Reaktion blieb nicht aus. Dazu vielleicht zerbrochene Beziehungen im persönlichen Leben, unausweichliche Konflikte. Diese Welt kommt nicht zur Ruhe. Wir selbst oft auch nicht. Und so werden auch an diesem Weihnachtsfest und danach viele Tränen geweint werden. Tränen der Trauer, des Zorns, der Ohnmacht, der Einsamkeit, der Schmerzen, und stille Tränen, von denen nur Gott weiß. Sie werden aufgenommen in das Geheimnis des Glaubens. Gottes Liebe umfaßt sie. Sie werden mit Christus, der unsere Leiden mit uns teilt, auch "aufgenommen in die Herrlichkeit". Dort stirbt der in der heiligen Nacht Geborene, am Kreuz für uns Gestorbene und am dritten Tage Auferstandene nicht mehr. "Nicht mehr" sind für uns zumeist die Worte für einen endgültigen Abschied: "Ich arbeite da nicht mehr!" "Ich wohne hier nicht mehr!" "Ich liebe dich nicht mehr!" Wenn es aber um die Liebe Gottes geht, sind sie für uns die Worte eines endgültigen Anfangs. Jesus Christus stirbt hinfort nicht mehr: "aufgenommen in die Herrlichkeit". Dort brennt das Licht des Lebens für uns in der Person Jesu immer und ewiglich. Darum steht der Cherub nicht mehr vor dem Baum des Lebens. Darum kann sich Erkenntnis mit Liebe paaren und das Gute zeugen, trotz allem Bösen. Darum reicht der Himmel auf die Erde und hat sich in uns als unausrottbare Sehnsucht nach einer heilen und ganzen Welt verankert. Das Geheimnis des Glaubens hat seine Zugänge geöffnet. "Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an." "Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit."

Und so können wir, liebe Gemeinde, den Kindern gleichen, die eben noch weinend, plötzlich mit einem von Tränen verschmierten Gesicht lachen und strahlen können, weil ihnen etwas Erfreuliches versprochen worden ist. Auf dem gequälten Antlitz der Welt, das sich in unser eigenes Gesicht eingraben kann, will Gottes in Jesus Christus uneingeschränkt gesprochene "Ja" einen Strahl der Hoffnung und ein Lächeln der Zuversicht hervorrufen. Trotz allem vor Freude strahlende Gesichter haben immer etwas überzeugend Ansteckendes an sich. Und so bewahre der Friede Gottes, der höher ist denn all unsere Vernunft, in dieser oft so friedlosen Welt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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