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| 2. Advent, 4.12. 2005 | |||||
| Jesaja 63, 15-19 und 64,3 b So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name! Warum läßt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen... Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der du so wohl tust denen, die auf ihn harren. I. Die Welt ist nicht in Ordnung. Darunter leidet der Beter dieses Psalms. So klagt er Gott sein Leid – und das seines Volkes: „Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“ Wohl wahr! - möchte da wohl so mancher angesichts der verbreiteten Entfremdung vom christlichen Glauben hierzulande stoßseufzend ausrufen. Doch bleiben wir erst einmal bei dem Beter dieses Klagepsalms, seiner Situation und die seines Volkes. Was war geschehen? Viele Jahre hatten Propheten wie Amos das Volk gewarnt und dem Volk deutliche Worte im Auftrag Gottes gesagt. So spricht der Herr: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Doch trotz dieser Mahnungen und Warnungen hatte das Volk Gottesdienst und Gerechtigkeit nicht zusammengebracht. Es wurde innerlich hohl und konnte dann auch nicht mehr äußerlich standhalten. 586 v. Chr. brannten die Babylonier Jerusalem nieder. Der Tempel wurde ein Raub der Flammen. Besonders die Oberschicht aus Juda und Jerusalem wurde nach Babylon ins Exil verschleppt. Was dabei herauskam, beschreibt eindrücklich der 137. Psalm: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Unsre Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. Denn die uns gefangenhielten, hießen uns dort singen und in unserem Heulen fröhlich sein: 'Singet uns ein Lied von Zion!' Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande? Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine größte Freude sein.“ 539 v. Chr. besiegte der Perserkönig Kyros die Babylonier. Er ließ die Juden in ihre Heimat zurückkehren. Doch war ihnen Jerusalem keine große Freude. Die Stadt lag immer noch in Trümmern, der Tempel war immer noch zerstört. Wovon sollte man leben? Das ganze Leben mußte erst wieder aufgebaut werden. Die Enttäuschung war groß. Wohl auch bei dem Beter unseres Klagepsalmes. Ich stelle ihn mir als einen etwa 55jährigen Mann vor. Als Kind hat er noch das strahlende Jerusalem gekannt, wollte im Exil immer dorthin zurück. Nun ist alles so anders als erwartet. Die Enttäuschung scheint verständlich. Selbst von Gott wollen die Menschen nichts wissen. Der ist jedoch, so der Beter des Klagepsalms, selber schuld - und offenbar abwesend: „Warum läßt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind.“ II. Die Welt ist nicht in Ordnung. Das hat mit den Menschen zu tun. Sie machen Gott für ihre eigenen Taten verantwortlich und sind weder mit sich noch mit ihm zufrieden. „Wo ist nun dein Eifer und deine große Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“ Die aus der Verschleppung Zurückgekehrten, die, die ihre Freiheit wieder hatten, hätten auch ganz anders reagieren können: mit Dankbarkeit und Zuversicht. – Und jener 55jährige Beter, den ich mir in meiner Phantasie vorstelle, hätte so beten können: „Danke, Herr, daß Du uns aus der Verbannung zurückgeführt hast in das Land unserer Mütter und Väter. Gewiß ist aller Anfang schwer. Aber mit deiner Hilfe werden wir es schaffen.“ Doch offensichtlich war die Unzufriedenheit größer als die Dankbarkeit und die Zuversicht. Das ist meistens so bei Menschen denen es trotz allem, was ihnen das Herz und den Geldbeutel beschwert, einigermaßen gut geht. Sie neigen immer wieder zum Nörgeln. Irgend etwas gibt es ja immer auszusetzen. Irgendwo findet sich immer ein Grund für ein großes Aber. Kein Wunder, daß jene, die immer wieder das Ziel von Nörgelattacken werden, sich irgendwann zurückziehen. Keiner läßt sich gerne fortwährend auf eine Anklagebank setzen, wenn er dort nicht hingehört. Irgenwann hat er davon genug, wenn er immer wieder zu hören bekommt: Es ist nicht genug! Und wie ist es mit Gott? Der Beter des Psalms rechnet damit, daß auch Gott sich abwendet, wenn er genug davon hat, daß die Welt nicht in Ordnung ist – und ihm vorgehalten wird, daß sie es nicht ist, obwohl Gott dafür nicht verantwortlich ist, sondern der Mensch, der seine Freiheit von Gott zugesprochen bekommen hat und bei ihrem Mißbrauch von Gott erwartet, daß er es wieder richtet: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung.“ Und darum, weil er ahnt, daß Gott sich abwendet, ja, abgewendet hat, beschwört der Beter Gott geradezu: „Kehr zurück um deiner Knechte willen...“. „Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater: 'Unser Erlöser', das ist von alters her dein Name.“ Und dann: „Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen...“. Der Beter dieses Klagepsalms und ein Nörgler gleichen sich darin, daß sie die Schuld für die Unordnung dieser Welt nicht bei sich, sondern bei anderen suchen. Für einen Nörgler sind es immer die anderen, für den Beter ist es Gott. Während aber häufig Nörgler Gott längst abgeschrieben haben und ihn mit der Bemerkung abtun „An einen Gott, der so viel Elend zuläßt, kann ich nicht glauben.“ rechnet der Beter immer noch mit Gott. Er setzt gegen seine eigene Nörgelei die Erfahrung des Glaubens: Diese Welt ist nicht in Ordnung, aber Gott setzt ihr seine Ordnungen entgegen. Gott hat in der Schöpfung die Chaosmächte besiegt. Er hat von seinem Zorn abgelassen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Er hat sein Volk durch die Wasserfluten des Meeres in die Freiheit geführt. Der Gottessohn hat geweint. Die Tränen der Angst und der Ausweglosigkeit sind ihm durchaus vertraut.
Sie fließen auch jetzt – sie fließen in der Ferne und in der Nähe. Sie fließen bei jenen, die hilflos und wehrlos ihrer Not ausgeliefert sind. Die Naturkatastrophe hat alles zerstört. Hunger oder Krankheit zehren an ihrem Leib. Die Prüfung ist nicht bestanden, die Beziehung zerbrochen. Aus dem Sumpf der Sucht finden sie keinen Ausweg. Wellen von Angst und Sorgen und Schmerzen überfluten sie. Sie wissen: Die Welt ist nicht in Ordnung. „Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab...“. Das ist der Stoßseufzer aller gequälten Kreatur. Von Gott erwartet der Beter Hilfe. Mit einer Schmeichelei versucht er sie zu beschleunigen: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir...“, um dann mit einem Bekenntnis der Zuversicht zu schließen: „... der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“ Gott ist Gott. Eine Schmeichelei beflügelt sein Hilfe nicht. Das Bekenntnis der Zuversicht aber hilft uns weiter. Es tut wohl auf Gott zu harren. Wir können so feststellen, daß Gott seine Ordnungen gegen die Unordnung dieser Welt setzt. Er hat sie geschaffen. Er wird sie erhalten bis zum Jüngsten Tag. Er wird uns bis dahin unsere Freiheit nicht nehmen. „Du, Herr, bist unser Vater.“ Ein Vater zeichnet sich dadurch aus, daß er seinen Kindern die Freiheit eben nicht nimmt, sondern ermöglicht. Ein Vater befreit zur Freiheit. Er läßt seine Kinder los. Die Kehrseite der Freiheit ist, daß die Welt nicht in Ordnung ist. Wer frei ist, macht Fehler. Wir Menschen können oft mit unserer Freiheit nicht umgehen. Doch ohne sie fehlt uns unsere Würde. Gott will sie uns nicht nehmen und darum zerreißt er mit seiner Allmacht auch nicht den Himmel und fährt herab und läßt die Berge zerfließen. Nörgler halten das nicht aus. Sie wollen frei sein und zugleich eine heile Welt haben. Das aber geht nicht. Und deshalb nörgeln sie, mäkeln herum an Gott und der Welt. Doch wer nörgelt, offenbart nur seine Hilflosigkeit. Er bleibt gefangen in seinem Streben nach Perfektion. Gott aber läßt uns nicht ohne Hilfe. Seine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich nicht auf immer hart gegen mich oder dich. Ja. vielmehr ist er so frei und wird im Kind in der Krippe und im Mann am Kreuz selber Mensch. Der Vater wird zum Bruder. So macht er sich uns gleich. Er teilt unsere zerbrechliche Freiheit mit uns. Er kommt in diese Welt, die nicht in Ordnung ist. Er weint mit den Weinenden. Und er lacht mit den Lachenden. Er macht sie so erträglich, weil er alles mit uns trägt und erträgt. Selbst den Tod. Aber er bleibt nicht darin. Auch wir haben diese Aussicht. Dankbarkeit und Zuversicht werden möglich. Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen. |
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