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     Toten-und Ewigkeitssonntag, 20.11.2005
 

Lukas 12, 40-46 + 48

Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint. Petrus aber sprach: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen? Der Herr aber sprach: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen; auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm seinen Teil geben bei den Ungläubigen. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.

I.
„Seid auch ihr bereit!“ Gebt acht! Seid wachsam! Am Ende des Kirchenjahres, am Toten- und Ewigkeitssonntag ertönt in den christlichen Kirchen ein Weckruf. In der Erinnerung an die Toten, im Blick auf die Ewigkeit wird zur Wachsamkeit aufgefordert. Offensichtlich gibt es da eine Wahrheit zu entdecken, die nur schwer erträglich ist. Wir werden mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die man am liebsten vergessen möchte: Auch eure, auch deine Zeit vergeht! Macht euch, mach dir keine Illusionen! Darum der Weckruf: „Seid auch ihr bereit!“ Gebt acht! Seid wachsam!

Den Gedanken an den eigenen Tod hält freilich keiner lange aus. Und so haben wir Menschen Möglichkeiten entwickelt, Krankheiten zu bekämpfen oder gar zu beseitigen. Wir sind darin erfinderisch und erfolgreich. Ein heute geborenes Kind hat gute Chancen hundert Jahre alt zu werden. Die Lebenserwartung steigt jährlich. Darum wird es für manche immer schwerer zu akzeptieren, wenn jemand „vor der Zeit“ stirbt. Aber der Tod fragt nicht danach. Die Vergänglichkeit kümmert sich nicht darum. Wir mögen sie aufhalten. Wir können sie nicht besiegen. Sie kommt, früher oder später auf uns zu, greift in unser Leben hinein. Denn diese Zeit vergeht. Mehr noch – die Bibel ist sich sicher, dass dieser Himmel und diese Erde vergehen und ein neuer Himmel und eine neue Erde kommen werden und Gott abwischen wird „alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Aber noch ist es nicht so weit. Noch vergeht diese Welt, für den einen früher, für den anderen später. Noch leiden Menschen, noch sterben sie und werden beweint. So trauern am heutigen Toten- und Ewigkeitssonntag viele um ihnen nahestehstehende Menschen, die im letzten Kirchenjahr von ihnen gegangen sind. Unwiderruflich, unwiederbringlich. Pläne, Hoffnungen, Lebensentwürfe sind zerbrochen. Auch um uns noch Lebende wird einst getrauert werden. Wir selbst sind in den Vergehensprozeß des Lebens einbezogen.

Wir können ihn aufhalten. Wir können ihn nicht beseitigen. Auch unsere Welt vergeht mit der Zeit. Das ist das Gesetz des Lebens, das uns in die Wiege gelegt wurde. Wir können uns dagegen stemmen. Durch vernünftige, gesunde Lebensweise; durch die Errungenschaften von Forschung und Medizin, Technik und Wohlstand – und schaffen dabei, neben allen Erfolgen, neue Probleme. „Die Natur schlägt zurück!“ so hat jemand einmal diesen Zusammenhang formuliert. Das Klima erwärmt sich und die Auswirkungen werden bedrohlich. Es wird immer schwerer, das Kranksein zu bezahlen. Das Leben wird nicht glücklicher, wenn wir im Pflegeheim landen. Was wir auch tun, wir werden letztlich der Härte des Lebensgesetzes nicht entrinnen. Wir werden vergehen.

Manchen Menschen geht es so schlecht, dass dieses Gesetz im Augenblick ihre einzige Hoffnung ist. Mit allen Fasern ihres geschändeten und gequälten Leibes wünschen sie das Ende ihres Lebens herbei. Manche vollstrecken das Gesetz an sich selbst, weil sie die Qualen des Leibes oder die Qualen der Seele nicht mehr aushalten. Für viele andere ist dieses Gesetz hart, unerträglich, herzzerreißend, weil es ihnen den liebsten Menschen genommen hat, weil es erbarmungslos unsere Endlichkeit feststellt: Wir werden vergehen.

II.
Bei diesem harten Gesetz setzt das Gleichnis Jesu an. Es sagt, dass wir zwei Möglichkeiten haben damit umzugehen. Eben so wie der „treue und kluge Verwalter“ oder aber wie jener Knecht, der „in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht...“ und dann seiner Verantwortung und damit seinem Herrn untreu wird.

Dieses Verhalten zeitigt Folgen. Im Gleichnis nimmt Jesus kein Blatt vor den Mund: „Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn erkommt, das tun sieht.“ Nämlich sich für die ihm Anvertrauten einzusetzen! Und wer das nicht tut? „... dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen...“. So vollstreckten einst die Perser ihre Todesurteile. Daran wird mit diesen Worten angespielt. Wahrlich drastisch – und das aus dem Mund Jesu!

Man könnte diese Worte Jesu mißverstehen und meinen, wer vor der Zeit stirbt, hätte sich das als Strafe für ein uneinsichtiges Leben selbst zuzuschreiben. Gewiß gibt es Menschen, die nicht auf sich und andere achten. Doch wird hier kein Zusammenhang hergestellt zwischen einem Fehlverhalten und einem frühen Tod. Gleichwohl hält das Gleichnis an einem Gedanken fest, der sich durch das Neue Testament zieht. Und der lautet: Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Gottes offenbar werden.

Das Richten ist eine Strategie im Lebenskampf, manchmal harmlos, manchmal unvermeidlich, machmal mit tödlichen Folgen. Wir alle sind in diese Handlungskette mehr oder weniger stark einbezogen. Wir richten und wir werden gerichtet: im Elternhaus, in Schule und Ausbildung, bei der Arbeit, in den Institutionen, in denen wir tätig sind, in Diskussionen und Debatten, und bisweilen tatsächlich vor Gericht. Das Neue Testament rechnet damit, dass dieses Handlungsgesetz des Lebens weitergeht. Nicht nur zwischen Personen, nicht nur in Gruppen und Gemeinschaften, sondern auch in der Beziehung zu Gott.

Und so meint dieses Gleichnis: Befreit euch von dem Wahn, dass ihr euch nicht verantworten müsst. Dieses Leben endet, doch entzieht euch der Mär, dass mit dem Tod alles aus ist. Glaubt nicht, ihr kämt ungeprüft davon: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.“ Es wäre schön, wenn es bloß einen lieben Gott gäbe. Aber es gibt ihn nicht. Weil Gott aber keine gute Idee ist, kein Idol, kein humanes Gottesbild, sondern eine lebendige Macht, werden wir alle dem Richterstuhl Gottes überstellt werden – und tun gut daran, uns auf diese letzte Prüfung ordentlich vorzubereiten.


III.
Der „treue und gute Verwalter“ kann uns dabei als Vorbild dienen. Ein Verwalter ist kein Besitzer. Und doch lebt er von seiner Aufgabe. Er kümmert sich um die ihm Anvertrauten. Er bemüht sich um Gerechtigkeit. Er setzt seine Talente ein und freut sich über Erreichtes. Er weiß, dass ihm viel gegeben und überantwortet worden ist und darum auch viel von ihm gefordert werden darf. Er nützt die ihm geschenkte Zeit und akzeptiert zugleich das Gesetz des Lebens. Es wird vergehen. Er sagt ja zu diesem begrenzten Leben und kann darum auch Ja zu seinem Ende sagen. Er beschädigt sein Leben nicht mutwillig, aber er will es auch nicht um jeden Preis verlängert wissen - und schützt sich darum durch eine entsprechende Patientenverfügung. Er ordnet seine Angelegenheiten rechtzeitig. Er sorgt für Klarheit, damit seine Angehörigen wissen, woran sie sind.

Haben wir einen Menschen für immr verloren, der so oder ähnlich „ein guter und treuer Verwalter“ war, haben wir Grund zur Dankbarkeit. Wenn aber manches oder vieles zwischen uns stehen geblieben ist, was wir uns anders gewünscht hätten, brauchen wir uns nicht durch unseren eigenen Richtspruch an die gemeinsame Vergangenheit zu binden. Wir dürfen und sollen das letzte Gericht Gott überlassen. Das gilt auch für uns selbst: „Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.“

Wenn er es tut, soll er uns als „treue und kluge Verwalter“ antreffen. Ob wir dabei Gnade finden, wissen wir nicht – aber wir dürfen darauf hoffen. So sehr das Neue Testament auch vom Gericht spricht, so spricht es doch zugleich von Gnade. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Nehmen wir die Rede vom Gericht nicht ernst, wird die Rede von der Gnade belanglos. Sie gilt – um Jesu Christi willen – im Leben wie im Sterben. Der Glaube schenkt uns diese Gewißheit. Darum lautet die erste Frage des Heidelberger Katechismus von 1563: „Was ist nun dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“

Und die Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupte fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiß und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

So ist es. Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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