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     Ansprache im Trauergottesdienst für Nicole Rieger
 

16. Juni 2006 Große Kapelle Hauptfriedhof Karlsruhe

Liebe Frau Jansen-Rieger, liebe Angehörige, liebe Freunde Nicoles, liebe Trauergemeinde!

I.

Uns steht ein schwerer Gang bevor. Wir müssen Nicole zu Grabe tragen. Sie war erst 17 – und wurde um ihr Leben gebracht.

Als ich sie vor drei Jahren in der Stadtkirche konfirmierte, da war sie eine hoffnungsfrohe Jugendliche wie die anderen Konfirmandinnen und Konfirmanden auch. Allen Konfirmandinnen und Konfirmanden wird im Konfirmationsgottesdienst ein Wort aus der Heiligen Schrift mit auf den Lebensweg gegeben. Sie suchen sich dieses Wort selbst aus oder bitten mich darum, eines für sie auzusuchen. Ob Nicole sich ihren Konfirmationsspruch selber ausgesucht hat oder ob ich es für sie getan habe, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war der Anfang des 23. Psalms ihr Konfirmationsspruch: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

Dieses Wort will beim ersten Hören gar nicht recht hierher passen. Denn zum einen mangelt es uns ja an vielem – vor allem mangelt uns Nicole. Sie fehlt uns. Es fehlt ihre Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Zuverlässigkeit, Offenheit. Sie hatte im letzten Jahr ihren Hauptschulabschluß an der Draisschule abgelegt und war gerade dabei im Städtischen Klinikum ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen. Später wollte sie Kinderkrankenschwester werden. Sie war auf einem guten Weg. Sie hatte ihr Leben doch noch vor sich. Und darum mangelt es uns an Verständnis. Es mangelt uns das Verständnis dafür, dass eine 16jährige eine 17jährige niedersticht. Warum trägt sie überhaupt ein Messer bei sich? Warum wird sie von denen, die sie begleiten, nicht an ihrer Tat gehindert? Warum dieser plötzliche Ausbruch an tödlicher Gewalt?

Und darum gibt es auf der anderen Seite überhaupt keinen Mangel bei vielen unter uns an Betroffenheit, an Entsetzen und Empörung, an Wut und Zorn. Ich habe tiefes Verständnis dafür. Es wird für die Tat eine Strafe geben. Über das Maß wird gestritten und es wird darüber befunden werden. Manche oder viele werden womöglich damit nicht zufrieden sein. Doch was ist eigentlich genug? Denn - man kann es ja drehen und wenden wie man will: Eine schreiende Ungerechtigkeit wird immer bleiben! Wie alle Menschen und wie alle jungen Menschen erst recht, hätte Nicole es verdient zu leben. Doch ihr Leben ist ihr genommen worden.

II.

Aber gerade darum ist es wichtig auf die Worte aus dem 23. Psalm zu hören, der so beginnt „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ und der so endet: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Der 23. Psalm setzt Vertrauen gegen Ungerechtigkeit. Die Welt ist mehr als voll davon. Die einen werden uralt, die anderen sterben früh, werden gar um ihr Leben gebracht; die einen strotzen vor Gesundheit, die anderen sind mit Krankheit behaftet; den einen scheint es an Gutem nicht zu mangeln, sie scheinen bisweilen sogar des Guten zu viel zu haben, andere aber haben kaum genug für ihr tägliches Leben. Es ist schon erstaunlich, dass der Beter des 23. Psalms angesichts der schreienden Ungerechtigkeiten in dieser Welt und obgleich er sie womöglich selbst am eigenen Leib erfährt, trotzdem betet: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ In unserer Wirklichkeit spricht vieles, machmal sogar alles gegen diese unwahrscheinlichen Worte.

Was jedoch für sie spricht ist, dass sie gerade von Menschen in schwierigen, gar ausweglosen Situationen, dass sie sogar in den Vernichtungslagern des 20. Jahrunderts gebetet worden sind. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ - diese Worte stärken jene Seelenkräfte, die wir angesichts der Ungerechtigkeiten dieser Welt bitter nötig haben: Vertrauen – und die Hoffnung darauf, dass Menschen aus schlimmen Ereignissen ihre Lehren ziehen und sich darum die Verhältnisse bessern.

Ich habe darum großen Respekt vor den Jugendlichen, die sich in einem Trauermarsch vom Kronenplatz hierher auf den Weg gemacht haben. Sie drücken so ihr Mitgefühl mit Ihnen, den Angehörigen, aus. Sie stützen sich gegenseitig und sie haben so zugleich ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt und vertrauen darauf, dass es ankommt und verstanden wird. Nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen. Der Fluch der bösen Tat würde weiter wirken, wenn es nicht Versuche und Möglichkeiten gäbe, darauf heilsam zu reagieren.


Dazu gehört auch das Vertrauen darauf, dass es richtig ist, Regeln einzuhalten.
Unsere Gesellschaft funktioniert ohne sie nicht. Sie stehen in den Zehn Geboten. Eines davon lautet: „Du sollst nicht töten!“ Dieses Gebot setzt klare Maßstäbe. Es verhindert Opfer und Täter bzw. Täterin miteinander zu verwechseln. Es stellt fest, dass Schuld Schuld bleibt. Es beharrt darauf, dass es für alle gilt – auch für die, die sich in schwierigen Lebensverhältnissen befinden oder darin aufwachsen. „Du sollst nicht töten!“ Um einander zu helfen dieses Gebot einzuhalten, bedarf es der Achtsamkeit – bevor es zu spät ist. Gewalt kann man nicht mit Gleichgültigkeit oder einem Mangel an Klarheit begegnen.

III.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Nicole kann das nicht mehr sagen. Das ist für Sie, die Mutter, den Vater, die Brüder, die Angehörigen, das ist für Euch, die Freunde, das ist für alle, die sie liebten, sie schätzten, sie gut kannten, bitter. Wir müssen es nun für sie tun. Das wird uns schwer fallen, vielleicht auch deshalb, weil wir uns fragen, ob Gott genug Acht auf Nicole gehabt hat. Doch schon am Anfang der Bibel lernen wir, dass Gott die Sünde zuläßt. Anders ist Freiheit nicht zu haben. Sie beinhaltet immer auch die Möglichkeit, schuldig zu werden.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Wenn wir das nicht mehr sagen, es nicht für Nicole tun, geben wir der bösen Tat zu viel Macht, dann bliebe die Bitterkeit. Sie würde uns regieren. Nicole würde das nicht gefallen. Sie war kein bitterer Mensch.

Gegen all das Böse in dieser Welt, gegen alle Ungerechtigkeit hilft keine Bitterkeit, sondern nur das Dennoch und der Trotz des Glaubens. Dieser Glauben lehrt uns zu vertrauen – trotz allem. Er lehrt uns auf Jesus Christus zu sehen, den Menschen gewaltsam zu Tode gebracht haben, den Gott aber nicht darin gelassen hat. Dieser Glaube lehrt uns nicht aufzugeben. Er lehrt uns dem Bösen zu widerstehen und Vertrauen gegen Ungerechtigkeit und Bitterkeit zu setzen. So laßt uns – gerade auch angesichts des schweren Ganges der uns bevorsteht - diesen Glauben stärken, indem wir auf den Text des Liedes hören, das am Ende des Gottesdienstes gesungen wurde, in dem Nicole konfirmiert wurde:

„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unseren Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden. Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten.
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns durch deinen Segen. Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns, auf unseren Wegen.“

Amen.

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