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     Heiligabend, Christvesper am 24.12.2004
 

Johannes 3, 16

Kanzelgruß
Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Kanzelgebet

I.

Also, liebe Gemeinde! Also, man darf das nicht flüstern. Vielmehr gilt es das hinauszurufen, hinauszusingen in alle Welt: „Christ, der Retter ist da!“ Die Welt hat es nötig. Gewiß – sie ist voller Schönheit: Und zugleich doch voller Schlamassel. Voller Wunder – und zugleich voller Wunden. Voller Begabungen – und voller Borniertheiten. Voll von Zärtlichkeit – und voller Zerrüttung. Voller Geborgenheit – und voller Gewalt. In ihr werden Kinder gestillt – und in ihr werden Kinder gekillt. Ein tiefer Riß geht durch die Welt.

Und darum – also - fällt es uns Menschen so schwer, sie zu lieben. Darum sagen wir lieber: Wir lieben das Leben. Wir sagen: Ich liebe meine Frau, ich liebe meinen Mann, ich liebe meine Kinder, ich liebe meine Familie, ich liebe meinen Beruf, ich liebe die Musik, ich liebe die Malerei – und so weiter. Aber gleich die ganze Welt? Vielleicht sagen wir in den seltenen Momenten glückseligen Überschwangs einmal: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt!“ Bloß um schnell ernüchtert festzustellen, dass wir dann, wenn es um die Welt geht, vielleicht zu einem flüchtig hingehauchten Kuss, nicht aber zu einer dauerhaften Liebe fähig sind. An der und in der in sich zerissenen Welt, die sich - wer könnte es leugnen? - in unserem eigenen Leben widerspiegelt, leiden wir. Wir lieben sie nicht.

Gott aber tut es: „Also hat Gott die Welt geliebt...“. In seiner Liebe äußert er seine Macht. Er tut es, um den Riß, der durch die Welt geht, zu heilen. Macht und Liebe gehören für uns meist nicht zusammen. Wohl weil wir zu häufig die Macht der Lieblosigkeit und die Lieblosigkeit der Macht erfahren haben. Bei Gott aber ist das anders. Er ist ohnehin der ganz Andere. Nur deshalb kann er sich so anders verhalten als wir. Wir würden das, was wir über alles lieben, nie hergeben. Gott aber tut es. Er öffnet den Himmel für uns: „Sollt uns Gott nun können hassen, der uns gibt, was er liebt über alle Maßen? Gott gibt, unserm Leid zu wehren, seinen Sohn aus dem Thron, seiner Macht und Ehren.“ Und das heißt doch: Gott kommt in die Welt.


Freilich hindert das Kind in der Krippe nicht am nötigen Ernst. Nur der, der noch keine Geburt miterlebt hat, wird aus der Geburt eines Kindes eine verträumt-kitschige Angelegenheit machen. Geburt, das ist bei aller Freude, die da aufkommen mag, immer auch Lebenskrise, wie auch immer man es anschließend verarbeiten oder verklären mag. Es ist jedenfalls ein Politikum ersten Ranges, daß die Bibel das Kommen Gottes in einen Stall verlegt und mit den Geburtswehen einer jungen, unerfahrenen Frau verbindet. Bald wird sie zudem mit dem Neugeborenen und dem vertrauten Mann außer Landes fliehen müssen, um den Kinderkillern zu entgehen. Die warten nämlich schon, um ihrem mörderischen Handwerk nachzugehen. So gleicht der erste Schrei des zur Welt gekommenen Gottes dem Schrei aller Neugeborenen. Es ist der Schrei über den Schmerz der Geburt, über die Abnabelung und die Kälte der Welt. Selbst Gold, Weihrauch und Myrrhe trösten darüber kaum hinweg. So – also so – ist Gott wirklich „zur Welt gekommen.“ So wird er der „eingeborene“, der in diese Welt hineingeborene Sohn.

II.

Aber genau so zeigt Gott die Macht seiner Liebe: „Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer. Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbindt sich mit unserm Blute.“ Wenn wir einen Menschen lieben, dann wollen wir in seiner Nähe sein. Gewiß können wir auch jenen Menschen lieben, der nicht in unserer Nähe ist. Wir halten dann durch Briefe, Telefon und andere Mittel der Kommunikation Kontakt. Doch wahre Liebe braucht und will Nähe. So findet sie Erfüllung, nicht jedoch in der Sehnsucht. So ist es auch für Gott: „Als aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn...“. „Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ So kommt Gott uns nahe. Und so ist Gott also mächtig dabei mit seiner Liebe den Riß zu heilen, der durch die Welt geht.

Gewiß gibt es auch in dieser Heiligen Nacht viel Leid und Elend. Gewiß werden darum auch in dieser Heiligen Nacht und in den Tagen und Nächten, die kommen werden, viele Tränen geweint werden: Tränen des Schmerzes, des Elends, der Verlassenheit und all die anderen Tränen, die dann durch und in den Riß fließen, der durch diese Welt geht. Gottes Liebe aber verbindet sich mit diesen Tränen. Die göttliche Ehre, die göttliche Macht, die göttliche Liebe, wer sie finden will, der muß sie in diesen Tränen suchen. Die Klarheit des Herrn, die die Hirten umleuchtet hat, in den verweinten Augen der Verzweifelten, der Gedemütigten, der Geschundenen ist sie zu finden. Seit der ersten Heiligen Nacht gibt Gott allen Tränen, die aus Not und Verzweiflung geweint werden, einen Glanz als wären sie Gottes Perlen und Edelsteine. Seit der ersten Heiligen Nacht gibt es keine Nacht, die so dunkel wäre, daß sie nicht von der Klarheit des Herrn umleuchtet wäre.

Darum sollen wir uns auch nicht schämen, wenn uns bei den alten Liedern, die das Wunder der Weihnacht besingen, die eine oder andere Träne in die Augen steigt und das womöglich als sentimentale Rührseligkeit abtun. Vielmehr sollen wir uns in einer Welt, in der wir so oft verstrickt sind in die Macht der Lieblosigkeit und die Lieblosigkeit der Macht, ruhig anrühren lassen von der Macht der Liebe Gottes. So beginnt der Riß, der durch die Welt geht, zu heilen. Denn es ist ja wahr: „Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.“

III.

Die so aus lauter Liebe Angelachten, die vielleicht oft nichts zu Lachen haben, können nun ihrerseits anfangen wenigstens ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu zeigen. Und dabei den Kindern gleichen, denen, eben noch aus anderen Gründen weinend, Freudentränen in die Augen schießen, weil ihnen das Herz im Leibe vor Freude zu hüpften beginnt: „Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engeln singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren!“

„Euch ist heute der Heiland geboren!“ Den Kindern kommt das noch frisch und unverbraucht in die Ohren. Sie brauchen keine Predigt, keine Auslegung der weihnachtlichen Geschichte. Sie sind dabei. Wahrscheinlich kann man sich der Weihnachtsgeschichte gar nicht besser erinnern und nähern als durch die eigenen Kinderaugen. Also - wohl dem, der wenigstens in diesen Tagen die Einfalt oder besser die Verwegenheit besitzt zu werden wie die Kinder. Denn für unsere Kinder ist Weihnachten noch beides zugleich: eine hochheilige Geschichte und ein sehr irdisches Vergnügen. Und in der Tat: das ist Weihnachten, ganz und gar göttlich und durch und durch menschlich. Deshalb können wir Gott gar nicht besser ehren als durch unsere Freude, unsere durch und durch irdische Freude. Die Kinder haben Recht: die Glocken können nicht laut genug, die Lieder nicht fröhlich genug, der Lichterbaum nicht strahlend genug sein – und lieber ein Geschenk zu viel als zu wenig. Es soll ja niemand damit geärgert werden. Im Gegenteil – es soll damit eine Freude gemacht werden. Kinder wissen das. Sie zieren sich nicht, wenn sie etwas geschenkt bekommen. Sie nehmen das Geschenk einfach.

Das meint denn auch christlicher Glaube. Sich beschenken lassen. Aufhören, sich zu zieren und darum aufhören das zu sagen, was wir bisweilen sagen, wenn wir etwas geschenkt bekommen: „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“ Doch: Gottes Liebe, Gottes Nähe sind nötig, weil nur sie den Riß heilen, der durch die Welt geht. Er schenkt sie uns in Jesus Christus. Wir müssen sie nur nehmen, annehmen. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

„... nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Wie geht das? „...nicht verloren werden...“. Das nimmt an, daß wir in dem Riß, der durch die Welt geht, verloren gehen können. Wir merken das daran, was wir, unterwegs im Leben, bisweilen so alles verlieren: Anstand und Geduld, Träume und Zeit, Mut und Hoffnungen, Geld und Nerven. Und weil wir nicht verlieren wollen, kämpfen wir und leben nach dem Motto: „Man kriegt im Leben nichts geschenkt!“ Darum wirkt unser Leben oft so angestrengt. Dabei sind wir zuallererst Empfangende, Beschenkte. Und genau das meint: „...das ewige Leben haben.“ Wir leben letztlich nicht aus eigener Kraft. In jedem Gottesdienst wird das am Ende im Zuspruch des Segens deutlich. Zu Weihnachten erfahren wir es sinnlich: In der Regel legt zum Fest der Handwerker seine Werkzeuge, der Kaufmann seine Bilanz und selbst der Schreibtischarbeiter seine spitze Feder aus der Hand. Und noch der Fleißigste läßt sich beschenken. Oder hofft doch wenigstens darauf: Sich einmal nicht der eigenen Anstrengung verdanken!

An Weihnachten wird also deutlich, wozu wir da sind. Gott liebt diese Welt. Er ist für sie da. Gewiß zieht sich durch sie der von Menschen gemachte Riß zwischen Begabung und Borniertheit, Geborgenheit und Gewalt, Wunder und Wunden, Zärtlichkeit und Zerrüttung. Und doch sollen wir darin nicht verloren gehen. Denn also: Gottes Liebe ist dagegen. Sie füllt uns jeden Tag aufs neue. Für sie sind wir da. Geliebte Menschen haben Grund zur Freude. Indem wir sie leben und teilen bezeugen wir, daß Gott diese zerissene Welt längst nicht verloren gibt: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist denn all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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