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| Johannes 15, 18-21 | |||||
| Predigt vom 30.10.2005 23. Sonntag nacht Trinitatis Jesus Christus spricht: Wenn euch die Welt haßt, so wißt, daß sie mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt. Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; den sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Kanzelgebet II. Liebe Gemeinde! Es ist ein weiter Weg. Es ist ein weiter Weg von diesen Worten Jesu bis zu uns und unserer Situation. Aber sie sind uns näher als wir meinen. Es ist ein weiter Weg von diesen Worten bis zu uns: „Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe,“ spricht Jesus Christus, „darum haßt euch die Welt.“ Wie das? Von Haß spüren wir augenscheinlich wenig. Unbehelligt haben wir uns auf den Weg zu diesem Gottesdienst gemacht. Musik hören wir darin, die unser Herz erfreut. Wir singen Lieder, die vielen bekannt sind. Die Liturgie, der Ablauf des Gottesdienst ist uns vertraut. Dazu ein etwas verschlafener, friedlicher Sonntagmorgen in einem außergewöhnlich sonnigen Herbst. Da übermorgen Feiertag ist, machen viele morgen einen freien Tag und genießen so ein verlängertes Wochende, vielleicht in Dresden, wo gerade zu dieser Stunde die wieder aufgebaute Frauenkirche in einem festlichen Gottesdienst wieder eingeweiht wird. Das Projekt dieses Wiederaufbaus wurde unter dem Leitwort „Brücken bauen – Versöhnung leben“ vorangetrieben. Nun steht die Kirche wieder – ein Symbol dafür, dass Hass überwunden, Versöhnung gelebt werden kann. Zugleich und vor allem ist die Kirche wieder ein Gotteshaus, in dem nicht nur Veranstaltungen durchgeführt werden können, schöne, zu Herzen gehende Musik gehört werden kann, sondern in der sich eine christliche Gemeinde zum Gottesdienst versammeln wird. Das haben sich viele Menschen im In- und Ausland etwas kosten lassen. Von Hass dabei, Gott sei Dank, keine Spur, vielmehr ist der Wille zur Versöhnung allenthalben - und erst recht mehr als 60 Jahre nach Kriegsende – zu spüren. Es ist ein weiter Weg von den Worten Jesu bis zu uns: „Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt.“ Gewiß begegnen Deutschen im Ausland immer noch Vorbehalte, ja bisweilen, offene Ablehnung. Und Christinnen und Christen hierzulande erleben Gleichgültigkeit, Entfremdung vom christlichen Glauben, Kirchenaustritte. Aber blanker Hass und Verfolgung? „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen...“. Davon ist bei uns nichts zu merken. Und das ist gut so. Selbstverstänlich lieber ein vielleicht ein wenig verschlafenes, sonniges, friedliches Wochenende im Oktober, dazu ein völlig unbehelligter Gottesdienstbesuch mit schöner Musik in Karlsruhe, Dresden oder anderswo als unter Verfolgung um des christlichen Glaubens willen leiden zu müssen. III. Natürlich wissen wir, dass es in der Geschichte des Christentums immer wieder Zeiten der Verfolgung gegeben hat. Das hat man uns schon in der Schule beigebracht. Wie etwa die Christen in den ersten Jahrhunderten unter den Drangsalierungen des römischen Staates zu leiden hatten und viele in den Arenen ihr Leben ließen. Oder wir wissen aus Fernsehberichten, Zeitungen oder gar aus eigener Anschauung, dass noch in nicht allzu ferner Vergangenheit in der ehemaligen Sowjetunion aus Kirchen Schwimmbäder oder Lagerhallen gemacht und Kirchengemeiden in der ehemaligen DDR von der Stasi infiltriert und bespitzelt wurden. Aber wir wissen auch, dass in der Geschichte der Kirche sie selbst zur Verfolgerin geworden ist und etwa Ketzer und Hexen nichts zu lachen hatten und auf dem Scheiterhaufen endeten. Oder es zwischen den unterschiedlichen christlichen Kirchen, wie z.B. zwischen Katholiken und Protestanten zu erheblichen Anfeindungen und Auseinandersetzungen kam – oder gar in den Kirchen und ihren Gemeinden selbst. Im sog. 3. Reich war das so. Ich habe einmal ein wenig in den Archiven geforscht und bin der Frage nachgegangen, wie es denn zugegangen ist in den evangelischen Gemeinden der Karlsruher Innenstadt während dieser Zeit. Es gab damals in der Innenstadt noch vier evangelische Gemeinden. In der Altstadt I war Karl Mondon Pfarrer. Er gehörte dem Bruderrat der Bekennenden Kirche in Baden an. Mit ihm sympathisierte sehr deutlich der Pfarrer der Altstadt II, der „Dörflespfarrer“ Hanns Löw. Als einmal in der Stadtkirche ein Gottesdienst der Bekennenden Kirche stattfinden sollte, hatten die beiden das Nachsehen. Der Vorsitzende des Kirchengemeinderates in Karlsruhe, ein strammer „Deutscher Christ“, verhinderte mit Hilfe der Polizei, dass die Stadtkirche für den Gottesdienst zugänglich war. Man verlegte den Gottesdienst kurzerhand in die Johanniskirche. In der Mittelstadt war von 1928 bis 1945 Pfarrer Glatt tätig. Er gehörte zu den „Deutschen Christen“. In den von ihm gehaltenen Gottesdiensten saßen überwiegend nur seine Parteigänger. Pfarrer Mayer-Ullmann wiederum, der ab 1933 Pfarrer der Schloßpfarrei war und zur Bekennenden Kirche gehörte, hatte mit heftigen Anfeindungen seitens einiger Ältesten zu kämpfen, die den „Deutschen Christen“ angehörten, und zog es vor ab 1939 Militärgeistlicher zu werden. Die Schloßpfarrei wurde nicht mehr besetzt und später aufgelöst. Haß, Anfeindungen, Verfolgungen gegenüber Christen von außen, „aus der Welt“ sozusagen, aber auch Haß, Anfeindungen, Verfolgungen zwischen den Kirchen und in den Kirchen, dazu Verfolgungen durch die Kirche selbst. Und doch auch immer wieder Zeiten der Friedlichkeit, Zeiten des Baus und Wiederaufbaus von Kirchen zur Ehre des dreieinigen Gottes und zum Wohle der Gemeinden. Das ist wahrhaftig ein langer Weg. Und darum ist auch der Weg der Worte Jesu zu uns so weit. Gleichwohl sind sie uns näher als wir meinen. IV. Das wird uns deutlich, wenn wir uns die tatsächliche Situation von damals klar machen, in die hinein sie gesprochen wurden. Sie ist gar nicht so verschieden von der unseren. Jesus richtet seine Worte, so überliefert es der Evangelist Johannes, in seinen Abschiedsreden zunächst an die von ihm selbst berufenen Jünger. Dazu gab es jene, die zum erweiterten Kreis der Jüngerschaft gehörten. Sie hatten durch die Worte und Taten Jesu zu seiner Bewegung gefunden. Sie waren von der Botschaft Jesu vom Reich Gottes angerührt worden. Diese hörten diese Worte Jesu, die Johannes überliefert, zunächst nicht selbst. Sie saßen womöglich als sie zum ersten Mal gesprochen wurden, vielleicht an an einem sonnigen, friedlichen Tag, bei ihren Familien, freuten sich ihres Lebens und ihrer relativen Sicherheit, sangen unter Umständen vertraute Lieder, während zur gleichen Zeit anderen diese Worte gesagt wurden und ihnen aufgetragen wurde, im Fall des Falles, an diese Worte zu denken: „Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie euer Wort halten.“ Etliche, die diese Worte Jesu zum ersten Mal hörten, wurden später zu Märtyrern. Einer von ihnen war Petrus. Viele hörten auf sein Wort. Andere nicht. Er starb in Rom den Märtyrertod. (Der Legende nach soll sein Grab sich unter dem Petersdom befinden.) Wir haben also eine Situation der Gleichzeitigkeit. Während die einen, die in der Nachfolge Jesu stehen, sich ihrer relativen Sicherheit erfreuen können, wird anderen Christen angekündigt, dass sie mit Hass heimgesucht und von Verfolgung bedroht werden. Und so geschieht es. Die Akteure und die Orte ändern sich nur. Die Situation ist dieselbe. Sehr zum Leidwesen der vielen besonnenen Muslime, die oftmals selbst ins Fadenkreuz ihrer fanatisierten Glaubensbrüder geraten, sind die Christenverfolgungen etwa zur Zeit besonders in islamischen Ländern anzutreffen, durchgeführt von jenen, die den Koran besonders wörtlich nehmen. Über die Einschätzung von Christen und über den Umgang mit ihnen, und übrigens auch mit Juden, heißt es etwa an einer Stelle in der vierten Sure des Koran: „Sie (die Christen und Juden) wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und daß ihr (ihnen) gleich seid. Nehmt aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreift sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmt keinen von ihnen zum Freund oder Helfer.“ V. Die Worte Jesu haben einen weiten Weg bis zu uns. Aber sie sind uns näher als wir meinen. Jesus Christus, der Herr der Kirche, erwählt Menschen. Hier und überall auf der Welt. Durch Glaube und Taufe geraten sie in einen neuen Leib, den riesigen Leib Christi. Das ist nicht einfach eine große Institution oder eine kleine Ansammlung von mehr oder minder freundlichen Leuten. Der Leib Jesu Christi, die Kirche des Glaubens – das ist eine Machtsphäre, die sich über die ganze Erde erstreckt, ein Energiefeld, das hier und anderswo Menschen erfaßt. Sie sind dann wieder verknüpft mit dem Urgrund des Lebens. Sie sind umfangen von einem Frieden, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft. Sie sind erfüllt von dem Geist, der auch in Elend und Leid Freude schafft. Sie sind in dieser Welt, aber nicht mehr von dieser Welt. Sie gehören zu Christus und nicht mehr sich selber. Wer nicht mehr sich selber gehört, der kann anderen Menschen nicht hörig werden, der läßt sich von Feinden nicht einschüchtern und von Freunden nicht wortgewandt zu etwas überreden. Er gehorcht Gott mehr als den Menschen. In einer friedvollen Umgebung ist das leicht gesagt. Die Worte Jesu erinnern uns daran, daß sie gleichzeitig anderswo auch von Menschen gehört werden, die in einer unfriedlichen, ihnen feindlich gesonnen Umwelt leben und um ihres christlichen Glaubens willen gehaßt und verfolgt werden. Wir können ihr Situation nicht mir nichts dir nichts ändern. Doch viel ist schon gewonnen, wenn wir in unserer eigenen Wohligkeit nicht verdrängen, wie anderswo Glieder am Leibe Christi leiden, aber doch mit uns berufen sind zum Gottesreich und zu Zeugen des Evangeliums in der Welt. Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, ihre und unser aller Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn. Amen. |
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