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| GENIUS LOCI - Birgit Spahlinger: „Der Schrecken der Rose“ | |||||
| 25. März
2007 Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten. I. Kaiphas sagt die Wahrheit: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Freilich ist diese Wahrheit wie eine Münze. Sie hat zwei Seiten – eine menschliche und eine göttliche. Zur menschlichen Seite: Inzwischen wissen wir – Jesus wurde ein kurzer Prozeß gemacht. Ein ordentliches Verfahren fand nicht statt, weder ein römisches vor dem Statthaltergericht noch ein jüdisches vor dem Hohen Rat, der obersten Religionsbehörde. Für einen ordentlichen römischen Strafprozess wären eine schriftliche Vorladung, ein Verteidiger und ein Protokollant erforderlich gewesen. Von alledem hören wir in den biblischen Berichten über den Prozess Jesu nichts. Vielmehr war dieser eine Polizeimaßnahme, im römischen Recht eine „cognitio extra ordinem“, gewissermaßen ein Standgericht gegen einen verdächtigen und dann geständigen „Hochverräter.“ Kaiphas und die anderen Hohenpriester hatten Interesse an solch einem Standgericht. Und zwar gleich aus mehreren Gründen. Da waren zunächst die persönlichen. Bevor die Römer 63 vor Christus Jerusalem eroberten, war das Amt des Hohenpriesters erblich gewesen und hatte auf Lebenszeit bestanden. Aus fünf Familien waren die Hohenpriester jeweils gekommen. Beides – Erblichkeit und Lebenslänglichkeit des höchsten geistlichen Amtes – hatten ihnen die Römer genommen. Wer jetzt Hoherpriester wurde, war gewarnt. Mit den Römern war nicht zu spaßen. Wer im Amt bleiben wollte, tat gut daran, es sich mit der römischen Besatzungsmacht nicht zu verderben. Und wer, wie damals Kaiphas, als Hoherpriester den Vorsitz im Hohen Rat und damit Macht und Einfluß hatte, wußte es erst recht. Zudem war das Passahfest, das in Jerusalem bevorstand und in Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft begangen wurde, der gefährlichste Tag des Jahres. Wie konnte man im Tempel und in den Häusern die einstige Befreiung aus der Sklaverei feiern und zugleich unter dem Joch der römischen Besatzung leiden ohne aufzubegehren? Um Ausschreitungen zu verhindern, zog darum Pontius Pilatus, römischer Präfekt zur Zeit Jesu, zum Passahfest regelmäßig mit zusätzlichen Truppen nach Jerusalem. Was die jüdische Obrigkeit, allen voran Kaiphas, verhindern wollte, war der Ausbruch von womöglich blutigen Unruhen, die in einer Katastrophe enden konnten. Die regierende Klasse Judäas befürchtete zwischen die Mühlen des Unruhepotentials im eigenen Volk und der römischen Besatzungsmacht zu geraten. Das Johannesevanglium bringt die Furcht der Regierenden deutlich zur Sprache: „Was tun wir?“ wird im Hohen Rat gefragt. „Dieser Mensch (Jesus) tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ Kaiphas aber weiß Rat: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Kaiphas sagt die Wahrheit. Sie liegt nahe. Einer wird zum Opfer gemacht, damit nicht alle zu Opfern werden. Einer muss dran glauben, damit nicht viele oder gar alle dran glauben müssen. In unterschiedlichen Abstufungen greift dieser Mechanismus immer wieder, gerade wenn es um politische Zusammenhänge geht. Da gibt es dann ein „Bauernopfer“ wie im Schachspiel. Um die eigene Haut und die der Getreuen zu retten, wird ein Sündenbock präsentiert, der an allem schuld sein soll. Abgesehen von allem politischen Kalkül, das da bei Kaiphas eine Rolle gespielt haben mag, dürfen wir ihm aber durchaus auch verantwortliches Handeln unterstellen. Es gibt Situationen, in denen man Schuld auf sich laden muss, um Schlimmeres zu verhindern. Es ist tragisch, wenn man das geringere Übel wählen muss, um das ganz große Übel zu verhindern. In solch einer Situation eine Entscheidung treffen zu müssen, sich einer unausweichlichen Wahrheit gegenüber zu sehen, kann hart sein, aber doch seine menschliche Seite haben: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ II. „Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.“ Hier kommt die göttliche Wahrheit ins tödliche Spiel. Kaiphas bringt sie zur Sprache, ohne zu wissen, dass er es tut. Zu sehr ist er auf die menschliche Seite der Wahrheit fixiert, die er ausspricht. Vor den Worten, die wir hier miteinander bedenken, steht die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Abbild der Auferstehung Jesu. Der eine wird auf Zeit diesem Leben wiedergegeben, der andere geht ins ewige Leben ein und „sitzt zur Rechten Gottes“. Gott ruft ins Leben. Menschen hingegen machen Menschen immer wieder zu Opfern. Die Motive mögen unter Umständen sogar lauter sein, für das Opfer macht es keinen Unterschied. Am Ende wartet unter Umständen so oder so der Tod: „Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“ Gott aber macht einen Unterschied. Er bringt ein Opfer. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Erbringen eines Opfers und dem Vorgang jemanden zum Opfer zu machen. Kaiphas bringt kein Opfer, er macht jemanden, er macht Jesus dazu. Kaiphas bietet sich nicht selbst zum Opfer an. Doch der dreieinige Gott tut es. Er bringt in einem Teil von sich, er bringt in seinem Sohn Jesus Christus ein Opfer. Wie eine Rose bei plötzlichem Kälteeinbruch erschrickt Jesus im Garten Gethsemane vor dem, was ihm da auferlegt werden soll und bittet: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Um dann doch fortzufahren: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ Um des Vaters willen, um Gottes willen läßt er sich von den Menschen zum Opfer machen. „Er erniedrigte sich selbst, und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Philipper 2,8) Gott bringt ein Opfer damit Menschen aufhören, aus welchen Gründen und Motiven auch immer, einander zu Opfern zu machen. Jesus Christus läßt sich zum Sündenbock machen, damit Menschen aufhören andere Menschen zu solchen zu machen. Das gilt nicht bloß für das Volk aus dem Jesus selber stammt, sondern auch für die verstreuten Kinder Gottes aus allen Völkern, die Gott zusammenbringt, zusammenruft und die darum beten und bitten können: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser. Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, gib uns deinen Frieden.“ Gott ruft so nicht in den Tod, er ruft ins Leben. Das ist seine Wahrheit. Jesus Christus bürgt für sie. In der Erniedrigung Jesu steckt darum zugleich seine Erhöhung. Und deshalb kann er dem Präfekten Pilatus, der ihm einen kurzen Prozess machen will, antworten als der ihn, wie es das Johannesevanglium später berichtet, fragt: „So bist du dennoch ein König?“ ... „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? III. Das ist in der Tat die Frage. Was ist Wahrheit? Für uns Menschen können Wahrheiten durchaus wechseln – je nachdem in welcher Situation wir uns befinden. Was macht was wahr? Was ist Form, was ist Inhalt? Das Kunstwerk „Der Schrecken der Rose“ nimmt das auf. Da werden zwei Farben miteinander kombiniert, schwarz und rot – und zwei Formen: eine Fläche und eine Linie. Das ist es! Ist es das tatsächlich? Die Künstlerin schreibt dazu: „Die meisten Menschen suchen nach Inhalten. Sie sehen in der ausgestellten Arbeit nicht eine gewundene schwarze Linie mit kurzen Querstrebungen in einer transparenten differenzierten roten Fläche, sondern sie assoziieren zum Beispiel 'Blut', 'Stacheldraht' oder 'Rose'. Die direkte Wahrnehmung wird ausgelassen und eine Zuordnung hergestellt, welche suggestiv der Raum indirekt mit erzeugt. Dasselbe Bild in einem Gefängnis ausgestellt würde den Begriff 'Folter' erzeugen können, in einer Kirche vielleicht das Leiden Christi und die Dornenkrone und in einem Baumarkt, man verzeihe mir den unmittelbaren Vergleich,“ schreibt die Künstlerin schließlich, „den Unfall eines ungeschickten Heimwerkers.“ Menschliche Wahrheiten sind voller Relativitäten. Sie hängen mit Situationen und Wahrnehmungen zusammen. Der norddeutsche Volksmund sagt es so: „Wat dem eenen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall.“ Die Behauptung des Neuen Testamentes ist jedoch, dass angesichts der göttlichen Wahrheit die Relativität menschlicher Wahrheiten aufhört. Gott ruft ins Leben, nicht in den Tod. Wer an Jesus Christus glaubt, muss nicht mehr dran glauben. Und das in einem doppelten Sinn. Wer an Jesus Christus glaubt, muss nicht mehr daran glauben, muss nicht mehr für wahrhalten, dass Not, Elend, Unterdrückung und Ausbeutung gottgewollt sind. Es gibt einen unendlich qualitativen Unterschied, der darin besteht, ob jemand zum Opfer gemacht oder ob ein Opfer erbracht wird. Gott erbringt um der Menschen willen ein Opfer. Er läßt es sich „sein Liebstes kosten“. Wir sind gut beraten unsere Erschrockenheit darüber nicht zu verlieren. In der Regel beschützen wir Menschen unsere Kinder davor, dass sie von anderen zu Opfern gemacht werden. Gott erbringt jedoch ein Opfer. Er läßt es zu, dass sein Sohn zum Opfer gemacht wird. Er tut es, damit wir Menschen aufhören einander zu Opfern zu machen. So sind wir gut beraten, erschrocken zu sein, wenn Menschen einander zu Opfern machen – und selber davor zurückzuschrecken. Wer an Jesus glaubt muss aber auch in einem anderen Sinn nicht mehr
dran glauben. In der Tat gibt es Situationen im Leben, die sind zutiefst
tragisch, womöglich können wir nur zwischen zwei Übeln
wählen. Wir laden in solch einer Situation so oder so Schuld auf
uns. Wir neigen dann dazu, uns zu verdammen und das mit dem Schuldspruch
Gottes gleichzusetzen. Doch wenn wir dann bitten: „Christe, du
Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich
unser!“ wird er uns nicht ohne sein Wort der Vergebung lassen.
Und uns so erneut und erneuert ins Leben rufen. So bewahre der Friede
Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, unsere Herzen
und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. |
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