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| Jakobus 5, 13-16 19. | |||||
| Sonntag nach Trinitatis, 22.10.2006 l. Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. ll. Vor einem halben Jahr ist ein Schulkamerad meiner amerikanischen Frau gestorben. Gerade in den letzten Jahren war der Kontakt wieder intensiver geworden. Der Schulkamerad hieß Richard. Alle nannten ihn Rich. Rich war Pfarrer einer lutherischen Gemeinde gewesen, hatte dann aber sein Pfarramt aufgegeben und war der Direktor einer Einrichtung für behinderte Menschen in Ocean City, New Jersey einer schönen Stadt, am Meer gelegen, geworden. Die Arbeit in der Einrichtung für Behinderte war überschaubarer als im Pfarramt. Rich konnte sich intensiver um seine Familie kümmern. Seine Frau ist noch heute Lehrerin. Seine beiden Töchter studieren inzwischen. Rich ging es gut. Etwa ein Jahr vor seinem Tod war jedoch bei Rich eine seltene Krankheit diagnostiziert worden: Augenkrebs. Die Ärzte machten Rich wenig Hoffnung. Die Therapiemöglichkeiten waren begrenzt. Man entfernte Rich ein Auge. Doch der Krebs hatte bereits Metastasen gebildet. Rich hatte keine Chance auf Heilung. Er wußte es und richtete sich auf das Sterbenmüssen ein. „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“
III. „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Viel - aber eben nicht alles. Eine Garantie auf Gesundung ist mit Gebeten nicht verbunden. Wenn es so wäre, würde vermutlich jede Gesundheitsministerin oder jeder Gesundheitsminister fromm werden. Ehrenamtliche Älteste statt ehrbare aber auch entsprechend zu bezahlende Ärzte, Heilung zu Hause nach Krankensalbung mit Öl „in dem Namen des Herrn“ und Gebet statt Heilung in Kliniken mit Medizin und Apparaten, mit Salben und Pillen im Namen der Pharmaindustrie und guter Pflege und gutem Zuspruch durch das Pflegepersonal. Das Gezerre um die Gesundheitsreform wäre schnell vorbei. Die Krankenkassenbeiträge würden enorm sinken. Beten statt bezahlen würde dann die Devise heißen. „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ Viel - aber nicht alles. Der Schreiber des Jakobusbriefes ist sich der Grenzen der Macht der Gebete durchaus bewußt. Eine Heilung erfolgt für ihn nicht automatisch, er schließt sie aber auch nicht aus. Jedenfalls behauptet er, dass Gebete der Genesung dienstlich sein können, wenn Berührung, also Nähe und Aussprache hinzukommen. IV. „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.“ Obgleich im katholischen Bereich die Krankensalbung immer noch praktiziert wird, aber oft so lange hinausgeschoben wird, dass daraus die „letzte Ölung“ wird, werden bei einer Krankheit die wenigstens so verfahren, wie es hier der Schreiber des Jakobusbriefes rät. Wer krank ist, geht zum Arzt oder ruft ihn. Angesichts der Möglichkeiten der Medizin wäre ein anderes Verhalten fahrlässig und würde an das Verhalten in so manch einer Sekte erinnern, in der nur auf Gebet- und Geistheilung gesetzt wird und darum eine medizinische Behandlung abgelehnt wird. Und doch ist das Anliegen des Jakobusbriefes nicht einfach von der Hand zu weisen. Er besteht nämlich darauf, dass eine Krankheit neben einer körperlichen eine geistliche und seelische Dimension haben kann. Es gibt viele Menschen, die das bestätigen können. Gewiß haben ihnen Ärzte und Ärztinnen geholfen mit den Mitteln der Medizin. Es waren Schwestern und Pfleger da, die sich um sie gekümmert haben. Aber sie haben sich auch gefragt: Warum bin ich überhaupt krank geworden? Was bedeutet es, dass ich gerade diese Krankheit bekommen habe und nicht eine andere? Hat meine Krankheit eine Bedeutung? Manche haben dabei ihr Leben einer radikalen Überprüfung unterzogen und festgestellt: Oft habe ich mir etwas vorgemacht. Ich wollte mein Glück erzwingen, wollte mit dem Kopf durch die Wand. Das hat mir auch oft Erfolg gebracht, aber es hat mir auch geschadet – und den Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Das ist mir von Herzen Leid. Und was einem im Nachhinein Leid tut, kann auch das Leid verursacht haben. Der Jakobusbrief rät dazu mit diesem Leid nicht bei sich zu bleiben, sondern sich mitzuteilen. Also die Nähe eines anderen zuzulassen und sich ihm anzuvertrauen: „Ich habe gefehlt, ich habe etwas falsch gemacht!“ Geteiltes Leid ist dann in der Tat halbes Leid. Vielleicht ist das dann tatsächlich ein Ältester oder zwei aus einer Gemeinde, zu der man gehört, vielleicht ist das ein Pfarrer oder eine Pfarrerin, vielleicht ist das ein Freund oder eine Freundin. Dabei ist wichtig, dass die Initiative vom Betroffenen ausgeht. Aufgezwungene Hilfe kann peinlich wirken, ein aufgezwungenes Gebet erst recht. Doch wenn es gewünscht wird, soll es auch nicht verweigert werden: „Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten...“ . Und es folgt der Zuspruch: „... und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“ Freilich ist auch hier die Einschränkung zu hören: „... wenn er Sünden getan hat.“ Gewiß gibt es Zusammenhänge zwischen dem Leid, das man sich antut, oft ohne es zu merken oder es zu wollen, und dem Leid, das man erfährt. Aber es gibt diese Zusammenhänge eben auch nicht. Menschen werden krank und finden beim besten Willen keine Erklärung dafür, es sei denn eine körperliche. Ein neuer Himmel und eine neue Erde sind noch nicht da, zur neuen Schöpfung sind wir erst unterwegs und es geht uns dabei, wie es etwa der Apostel Paulus im Römerbrief beschreibt, wie der ganzen Schöpfung, die sich „bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet“ und sich nach Erlösung sehnt - „... der Erlösung unseres Leibes“, wie Paulus schreibt.
Rich, der einstige Schulkamerad meiner Frau, ließ uns und seine anderen Freunde an seinem Seufzen und seiner Angst in seinen emails teilhaben, aber vor allem auch an seinem Mut, seiner Dankbarkeit und seiner Zuversicht. Er hatte gerne für und mit Behinderten gearbeitet. Er liebte das Meer und die Sonnenstrahlen, die darauf tanzten. Er war dankbar für die Liebe seiner Frau und seiner Töchter, für die Zuwendung seiner Freunde. Er war dankbar für die 51 Jahre, die er hatte leben dürfen. Es war ihm klar, dass seine Krankheit unheilbar war und ihm nicht viel Zeit blieb. So ordnete er seine Angelegenheiten, bestimmte den Ablauf des Trauergottesdienstes und freute sich an jedem Tag, der ihm vergönnt war, vor allem, wenn er Besuch bekam. Uns und alle anderen, die wie wir so weit weg von ihm waren, blieb nur, ihm zu schreiben, anzurufen – und ihn ins Gebet zu nehmen. Er wollte es und wußte sich davon getragen wie von all dem, was ihm in seinen letzten Monaten und Wochen an Liebe und Zuwendung begegenete. So konnte er loslassen. Und wir auch. Gewiß war da die Erfahrung, die ein altes Lied so beschreibt: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren...“. Aber eben auch dies: „Des Gerechten Gebet vermag viel...“. Ein Gerechter im Sinne des Neuen Testamentes ist der, dem Gott gerecht geworden ist. Und das ist er, denn im Kreuz Christi ist Gott dem Leid dieser Welt um unseretwillen nicht ausgewichen und in der Auferstehung Jesu hat er uns den Weg vorgezeichnet, zu dem wir bestimmt sind. So gehen wir in bösen wie in guten Tagen auf die Herrlichkeit Gottes zu. Darum beginnt der Predigtext mit dem Satz mit dem ich schließe: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ Amen. |
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