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Wort zum Tag, SWR 2; Samstag, 18. September 2004 Vor kurzem ist ein Onkel von mir gestorben. Ich werde ihn vermissen, denn ich habe ihn sehr geschätzt. Eigentlich war er der leibliche Onkel meiner amerikanischen Frau. Aber bisweilen sind die angeheirateten Verwandten viel interessanter als die, die man von klein auf kennt. Uncle El, so wurde er von uns genannt, war nicht besonders groß. Von seinem rotblonden Haarschopf war weitestgehend nur eine Glatze übrigeblieben und in seinen guten Zeiten schob er einen Bierbauch vor sich her. Doch obgleich er äußerlich nicht wie ein Adonis wirkte, war er sehr beeindruckend. Er erinnerte mich an den Menschen aus dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten, der aus seinen Gaben am meisten machte. Jesus erzählt in diesem Gleichnis von einem Mann, der außer Landes ging und für die Zeit seiner Abwesenheit seinen Untergebenen sein Vermögen anvertraut. Dem einen gibt er fünf Talente Silber, also fünf Zentner Edelmetall, dem zweiten zwei Talente, und dem dritten eines - je nach Tüchtigkeit. Nach seiner Rückkehr stellte der Mann fest, daß die ersten beiden ihre anvertrauten Talente jeweils verdoppelt hatten, während der letzte keine Eigeninitiative, keinen Mut bewiesen und sein Talent einfach vergraben hatte. Da wurde dem Initiativlosen noch dieses Talent genommen, während die anderen für ihren Einsatz und Mut belohnt wurden. Uncle El war für mich ein Abbild dessen, der seine Talente nicht versteckte. Als junger Soldat interessierte er sich für Literatur, ja, er schrieb selbst. Seine schriftstellerischen Ambitionen brachten ihn in persönlichen Kontakt mit dem nach Amerika emigrierten Thomas Mann. Mit diesem korrespondierte er und traf sich mit ihm in Princeton. Sein Interesse an Literatur, später Musik und Geschichte behielt er zeitlebens bei. Da Uncle El aus finanziellen Gründen nicht hatte studieren können, las er unglaublich viel und bildete sich mit Dokumentarfilmen weiter. Zeitweilig fertigte er sie selber an. Dazu brachte er es in seinem Beruf als Versicherungsmakler zu recht vorzeigbarem wirtschaftlichen Erfolg. Uncle El war nicht besonders religiös. Doch das sind die im Gleichnis von den Talenten nach dem Umgang mit ihren Gaben Befragten auch nicht. Sie werden vielmehr nach ihren Taten beurteilt und danach, ob sie bereit waren, ihre Talente mit Mut einzusetzen. Die es tatsächlich tun, machen durch ihr Vorbild Mut zu diesem Mut. |
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