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     Wer mich liebt, der wird mein Wort halten
 

Predigt an Pfingstsonntag (8.6. 2003)

Johannes 14, 23-27

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

I.

Liebe, liebe Gemeinde, und Wort halten gehören zusammen. Liebende wissen das. Aber nicht nur sie. Wenn wir hören: "Du kannst dich auf mich verlassen!"- und dann werden wir verlassen - Oder: "Du kannst mit mir rechnen!" - und dann können wir auf diese Zusage doch nicht zählen und haben uns verrechnet, wenn das geschieht, dann schmerzt das. Und, wenn Liebe im Spiel ist, erst recht. Denn, wenn erst der Himmel voller Geigen hängt - und man sich dann nur noch die Meinung geigt, wenn man sich erst ja so gern hat, und es dann heißt, du kannst mich mal gern haben, dann geht das nicht einfach bloß unter die Haut, dann dringt das vielmehr in die Seele ein und macht sich dort breit wie ein dunkler Schatten. Wenn man sich das Ja-Wort gegeben hat und dann das Nein-Sagen daraus wird, gerade an den so schmerzhaften und negativen Folgen eines Wortbruches wird deutlich: Liebe und Wort halten gehören zusammen.

Darauf spielt Jesus an, wenn er sagt: "Wer mich liebt, der wird mein Wort halten...". Merkwürdig ist hier allerdings das "mein Wort halten". Halten kann man ja zunächst nur sein eigenes Wort, eine Zusage, die man selbst gegeben hat. Aber - kann man das, das Wort eines anderen halten? Für die Zusage einstehen, die ein anderer gegeben hat? Das geht wohl nur, wenn man von dem Wort des anderen so ergriffen wurde, das es einen festhält. Worte der Liebe tun das. Wir bringen uns darin unter, wir bergen uns in ihnen wie in einem warmen, gemütlichen Haus. In den Worten der Liebe können wir in der Flucht der Tage unsere Zuflucht suchen. Wenn der eine zum anderen sagen kann, wahrhaftig sagen kann "Ich liebe dich!" - und der andere wirklich antworten kann - "Und ich dich auch!" - dann haben zwei Menschen eine Bleibe gefunden, in der sie beieinander bleiben können, bis dass der Tod sie scheidet. Und dann geschieht es auch, dass man sich dazu imstande sieht, das Wort des anderen zu halten. Es hat ja der Geist der Liebe, der Geist des Vertrauens Einzug gehalten. Dort kann man sich das Wort des anderen zu eigen machen.

II.

Diese Erfahrung überträgt Jesus und anwortet damit auf die Frage eines Jüngers, die dem Predigttext vorangeht: "Herr, was bedeutet es, daß du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?" Gottes Wort, das Wort Jesu kann man sich zu eigen machen: "Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen." Gottes Wort, das Wort Jesu kann man sich zu eigen machen. Freilich nicht so, daß man dabei etwas zu leisten hätte. Wenn man in eine eigene Wohnung, in ein eigenes Haus einzieht, dann muss man wohl etwas leisten, die Anstrengung des Umzugs, des Einzugs allemal. Dann muss man sich wohl auch etwas leisten, eine neue Einrichtung womöglich oder Teile davon. Doch wenn Gott mit seinem Wort bei uns Einzug hält, dann geht das ohne unser Zutun. Vielmehr wirkt dann, wie das Neue Testament ihn nennt, der Paraklet, der Geist Gottes, der uns trostreich zur Seite steht.

Der Säugling, schreiend in der Wiege, der Greis, sterbend eine liebe Hand umklammernd, Anfang und Ende machen deutlich, dass wir Menschen Zeit unseres Lebens auf Beistand angewiesene Wesen sind. Ohne Beistand würden wir ein trostloses Leben führen. Das merken wir spätestens dann, wenn wir durch eines jener finsteren Täler hindurch müssen, die keinem erspart bleiben. Wer sich dann sagen kann: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir...", der sagt es nicht einfach zu sich oder zu dem Menschen, der ihm am nächsten ist, sondern zu Gott selbst und Gott wird bei ihm sein. Und der begreift, wie wahr die Worte Jesu sind: "Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." Etwa: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

III.

Wo der Geist unseres trostreichen Gottes in seinem Wort, wo der Geist des Vertrauens, der Liebe und der Hoffnung Einzug gehalten und sich wohnlich eingerichtet hat, da ist das Leben auf die Gegenwart dieses Geistes ausgerichtet. Das hat Folgen: "Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier." Freilich ist dieser Himmel geerdet, sonst wäre nur Begeisterung im Spiel. Die ist natürlich keineswegs schlecht. Nur sie kann schnell verfliegen - so sehr, dass mancher am Ende meint, einen Ausweg darin zu sehen, dass er im freien Fall seinen Absturz auch noch selbst inszeniert. Dort aber, wo der Beistand Gottes Einzug gehalten hat und schließlich auch dort, wo man ihm den Einzug nicht verwehrt hat, weil man sich vielleicht viel zu sehr in seinem eigenen Leben eingerichtet und darum eine zwar komfortable aber letzlich trostlose Existenz führen muss, herrscht geerdete Geistesgegenwart.

IV.

Da tut jemand das einzig Richtige in einer bedrohlichen Situation und verhindert eine Katastrophe. "Geistesgegenwärtig", sagen wir, "hat dieser Mensch gehandelt" - nicht durch ein langes Abwägen von jedem Für und Wider, sondern spontan, einer plötzlichen Eingebung folgend. Und siehe da: Genau das Richtige zur rechten Zeit - Geistesgegenwart in einer brisanten Situation. "Gott sei Dank!", fügen viele hinzu, und etliche meinen es auch so.

Geistesgegenwart - auch ein Wort für alltägliche Situationen? Ja, denn im alltäglichen Leben zeigt sich, welch Geistes Kind jemand ist, wovon er sich bewegen läßt. Da ist es schon ein leicht zu erkennender Unterschied, ob einer überwiegend nach dem Motto lebt "Hauptsache ich habe!" oder nach dem Motto "Was fehlt dem anderen?" Und ob in einer Familie, in einem Haus, in einer Institution ein guter Geist herrscht, das läßt sich manchmal fast mit Händen greifen. In welches Krankenhaus jemand geht, wenn er wählen kann, richtet sich darum häufig nicht bloß nach der fachlichen Einschätzung, sondern eben auch danach, was ihm über den Geist des Hauses zugetragen wird: "Da kannst du ruhig hingehen, da herrscht ein guter Geist." Das gilt für vieles: Ausbildungstellen, Arbeitsplätze, Altersheime, Kindergärten, Schulen, Kirchengemeinden.

Geistesgegenwart als Voraussetzung, das Richtige zu tun, nicht nur in brisanten Situationen, Geistesgegenwart als Klima, in dem gute Taten reifen, in dem Aufbauendes gegen Zerstörerisches gesetzt wird, davon gibt es viel - trotz allen Ungeistes, der genauso zur Wirklichkeit gehört. "Gott sei Dank!" sagen viele - und etliche meinen es auch, vor allem die, die Frage stellen: "Herr, was bedeutet es, daß du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?"

V.

Am Ende der Worte, die wir hier miteinander bedenken, antwortet Jesus darauf so: "Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht."

Die Welt gibt uns viel: Freude und Erfolg, das Glück des Augenblicks, vielleicht sogar Glück für lange Zeit, aber eben auch Freudlosigkeiten, Mißerfolge, Hader, Widrigkeiten, Schmerzen, Erschreckendes, Friedloses. Spätestens dann, wenn sie im Übermaß Einzug halten und sich vielleicht gar mit lähmendem Entsetzen breit machen, dann tun wir gut daran, uns der Worte zu erinnern, mit denen Gott in unserem Leben, unserem ganz persönlichen Leben, Einzug gehalten und Wohnung genommen hat und seinen tröstlichen Beistand leistet. Etwa: "Von allen Seiten umgibst du mich und hälst deine Hand über mir." So zieht Gottes Geist bei uns ein und macht uns widerständig gegen die Widrigkeiten der Welt. Wir werden gewiß, "daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist". Und so bewahre denn der Friede Gottes, welcher höher ist denn all unsere Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

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