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| Wort zum Tag SWR 2 - 9. Mai 2004, Muttertag | |||||
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Muttertag - meine Mutter hat immer großen Wert auf diesen Tag gelegt. Sie ist vor etwas mehr als acht Jahren gestorben. Oft denke ich nicht mehr an sie. Dazu findet sich in der Hetze des Alltags kaum Zeit. Doch an besonderen Tagen muss ich mich unwillkürlich an sie erinnern. An ihrem Geburtstag zum Beispiel, an Weihnachten, weil sie sich immer zierte zu uns über die Festtage und die Tage danach zu kommen - und dann jedes Mal froh war, sich doch zur Reise entschieden zu haben. Ja, und an jedem Muttertag muss ich besonders an sie denken. Meiner Mutter war dieser Tag wichtig. Da ich als Einzelkind aufwuchs, richtete sie ihre Erwartungen an diesem Tag eben besonders auf mich. Es war ja sonst keiner da. Und so versuchte ich ihr immer an diesem Tag eine besondere Freude zu machen. Da wir zunächst auf dem Land wohnten, war für Blumen gesorgt. Ich machte Frühstück und versuchte einen Tag lang besonders artig zu sein. Später kaufte ich für den Muttertag Geschenke. Meist gab es, vom Werbefernsehen animiert, einen größeren Blumenstrauß oder, noch häufiger, eine Flasche "Doppel-Herz" - zur Stärkung. Die hatte meine Mutter als Alleinerziehende auch besonders nötig. Als ich dann schließlich mein eigenes Geld verdiente, habe ich sie am Muttertag, zusammen mit meiner Familie, zum Essen ausgeführt. Das hat ihr immer gefallen. Sie aß für ihr Leben gern. Am Muttertag erwartete sie jedenfalls immer einen Liebeserweis ihres Sohnes. Als ich älter wurde ging mir das bisweilen ziemlich auf die Nerven. Liebe in Worte zu fassen war meiner Mutter peinlich. Sie zeigte ihre Liebe auf andere Weise. Wenn sie uns besuchte, packte sie zum Beispiel nie zuerst ihren Koffer aus, sondern ging immer gleich in unsere Waschküche, um sich um unsere Wäsche zu kümmern. "Liebe zeigt man, über sie redet man nicht!" Nach diesem Motto lebte sie und erwartete von anderen das gleiche Verhalten, insbesondere von mir, ihrem Sohn - und das ganz besonders am Muttertag. Mütter können ja selbst noch ihre erwachsenen Kinder mit ihren Erwartungen ziemlich unter Druck setzen. Und wehe, wenn diesen Erwartungen nicht entsprochen wird! Einmal hatte ich als schon erwachsener Mann den Geburtstag meiner Mutter vergessen. Es dauerte eine ganze Weile bis ich wieder in Gnaden aufgenommen war. Einen Muttertag aber habe ich nie vergessen. Es kam vor, dass ich ein Geschenk für meine Mutter an diesem Tag weniger aus Überzeugung, sondern eher aus einem Pflichtgefühl heraus besorgt habe. Und doch bin ich aus heutiger Sicht froh, dass ich diesem Pflichtgefühl nachgekommen bin. Dankbarkeit braucht eben manchmal einen äußeren Anlaß, auch wenn sie, wie am Muttertag, ritualisiert wird. Gewiß hätte ich mich meiner Mutter, die über Liebe nicht sprechen, sondern sie eben in Taten und Gesten zeigen wollte und mich mit ihrer Erwartung auf das gleiche Verhalten festlegte, gerade am Muttertag manchmal am liebsten entzogen. Ich vermute, dass es vielen, die mir jetzt zuhören, auch schon so ergangen ist. Doch bin ich heute froh, dass ich es nicht getan habe. Der Muttertag war für meine Mutter der Weg wie sie sich der Zuneigung ihres Sohnes versichern konnte, ohne sich der für sie peinlichen Worte über Liebe und Dankbarkeit aussetzen zu müssen. Letztendlich hätte ich ohne Erweise dieser Dankbarkeit nicht vor mir selber bestehen können. Meine Mutter hätte ihr letztes Hemd für mich hergegeben. Sie war in Liebe für mich da, wortlos und in ihren Taten doch beredt. Mütter sind oft so. Noch heute bin ich jedenfalls meiner Mutter dankbar für ihre Liebe. Sie hat mir Mut zum Leben gemacht, meine Mutter. Gott hab' sie selig!
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