Chororgel in der Stadtkirche eingeweiht

     Der Hauch der Geschichte umschwebt die neue Schöne
   


Von Sibylle Kranich

Gut sieht sie aus, die Neue. Schlank und elegant. Temperament und Feuer sind ihr auf den vollendeten Leib geschrieben. Sie ist so schön, dass sogar Geistliche ins Schwärmen kommen und mit ihrer Ankunft in Karlsruhe ging für viele ein langgehegter Traum in Erfüllung. Die Einweihung des Instruments war Anlass für ein grosses Freudenfest, das die Gemeinde zusammen mit zahlreichen Gästen und vielen Musikern das ganze vergangene Wochenende über zelebrierte. Zwei Gottesdienste, ein Festkonzert, eine lange Orgelnacht mit Karlsruher Organisten und weitere Veranstaltungen rund um die Königin der Instrumente standen auf dem Programm (siehe auch „Kulturfächer“).

Mit einem Festgottesdienst am Samstagabend begannen die Feierlichkeiten. Unter dem Motto „Strahlende Klänge im Herzen der Stadt“ hatten der Kantor der Stadtkirche, Christian-Markus Raiser, und der Hausherr, Pfarrer Dieter Splinter, in die Kirche geladen. Die Predigt hielt der evangelische Dekan Otto Vogel. Kurz erinnerte er darin an die lange Vorgeschichte von der ersten Idee, über den Bau bis hin zur Aufstellung der Orgel. „Es war ein Projekt, das viele seit Jahren und mit Leidenschaft verfolgten“, so Vogel. Zahlreiche Karlsruher Bürger und Firmen hatten durch die Übernahme von Orgelpfeifen-Patenschaften und grosszügige Spenden die Anschaffung des 300 000 Euro teuren Instrumenten möglich gemacht. Den Zuschlag für den Bau der Orgel erhielt im Juli 2002 schliesslich der elsässische Orgelbauer Rémy Mahler.

Für die Stadtkirche Karlsruhe schliesst sich damit ein Kreis, der bereits im 18. Jahrhundert seinen Anfang nahm. Zur Einweihung der Kirche am 2. Juli 1816 nämlich erklang eine Orgel, die bereits 60 Jahre zuvor in der Strassburger Werkstatt des berühmten Orgelmachers Johann Daniel Silbermann gefertigt worden war. Der badische Markgraf Karl Friedrich hatte das Instrument, das ursprünglich der Villinger Stiftskirche zugedacht war, gekauft, um es der Karlsruher Stadtkirche zu schenken. Trotz zahlreicher Umbauten blieben Teile des alten Silbermann-Gehäuses bis 1944 erhalten. Bei einem Bombenangriff wurde die Stadtkirche und mit ihr auch die alte Orgel in der Nacht vom 27. Mai 1944 total zerstört. 14 Jahre später, 1958, errichtete die Orgelbaufirma Steinmeyer aus Oettingen die grosse Hauptorgel, die bis heute auf der oberen Empore des Weinbrennerbaus steht.

Dank der neuen Chororgel schweben seit Samstag nun aber wieder ein Hauch Geschichte und der Geist Silbermanns durch das imposante Kirchenschiff. Denn der Betrieb, in dem Orgelbauer Rémy Mahler sein Handwerk lernte, ist ein direkter Nachkomme Silbermanns.

Für Rémy Mahler war der Karlsruher Auftrag eine ganz besondere Herausforderung. Der grosse, nüchterne und moderne Raum in der von aussen eher historisch anmutenden Kirche sollte ein Instrument bekommen, das eben diesen Widerspruch vereint. Entstanden ist ein futuristisches Gebilde mit Türmen und einer Holzverkleidung, die an züngelnde Flammen erinnert. Akustisch empfindet Mahler den alten Klang der Silbermann-Instrumente nach, ohne ihn jedoch kopieren zu wollen.

Die schlanke in die Höhe ragende Gestalt der Orgel, die einerseits an die Zerstörung durch das Feuer erinnern will, andererseits aber auch die in die himmlischen Sphären steigenden Klänge symbolisiert, machte auch den Einsatz einer aussergewöhnlichen Mechanik und Technik notwendig. So sind die Windladen der Mahler-Orgel nicht wie sonst üblich nebeneinander sondern hintereinander angeordnet.

    nach oben