100 JAHRE BACHCHOR KARLSRUHE
   
   

Der Bachchor Karlsruhe wird in 2005 hundert Jahre alt. Jubilare werden meist nach ihren Erinnerungen und nach ihrem Lebensweg gefragt. Wie kam der Bachchor zu seinem Namen und an die Evang. Stadtkirche ?

1905 wurde von Max Brauer, dem Musikdirektor und Kirchenchorleiter an der großherzoglichen Hofkirche, ein Oratorienchor ins Leben gerufen, wie ihn Karlsruhe schon seit Jahren entbehrte. Zur finanziellen und organisatorischen Unterstützung gründeten einige prominente Karlsruher Bürger den »Bachverein Karlsruhe«, dessen Ehrenpräsident der frühere Intendant des Hoftheaters, Dr. Albert Bürklin, wurde. Brauer liebte die Werke J.S. Bachs; der Vereinsname gab die Hauptrichtung an, in die das Repertoire des Chores mit großen Vokalkompositionen der Tonmeister von Händel bis Brahms weiter wachsen sollte.

Brauer starb 1918. Die wirtschaftliche Not nach dem Ersten Weltkrieg schränkte die Wahlmöglichkeiten des Vereins beim Konzertmanagement stark ein. So kam es zur „Anlehnung“ an das Badische Landestheater (das spätere Staatstheater), zuerst unter GMD Cortolezis. Auch die Direktoren des Badischen Konservatoriums für Musik, H. K. Schmid und Franz Philipp, waren zeitweise die Chorleiter. Die Mitwirkung des Bachvereins-Chors bei Sinfoniekonzerten und auch auf der Bühne des Landestheaters entwickelte sich zu einer tragfähigen und langjährigen Beziehung, vor allem in der Zeit 1926-1933, in der Josef Krips als GMD tätig war.

Nach 1933, im »Dritten Reich«, begann die Beziehung zum Theater rissig zu werden. Aus anderen Richtungen gab es politischen Druck auf den Verein, der um sein Bestehen fürchten mußte. So nahm er 1938 das Angebot des KMD Wilhelm Rumpf von der Evang. Landeskirche Baden an : der Bachvereins-Chor solle unter Rumpfs Leitung bei allen großen Vokalkonzerten der Evang. Kirchengemeinde Karlsruhe mitwirken, ohne finanzielles Risiko, jedoch ohne Einfluß auf das Programm. Dieser Entschluß bewahrte den Vereins-Chor vor der Vereinzelung und vor dem Verlust des barockmeisterlichen Namens und bescherte der Kirchengemeinde den schon lang gewünschten Oratorienchor für die große Vokalmusik. Mit der Benennung »Bachchor« im Jahr 1940 wurde der Chor für seine Auftritte vereinsfrei und damit dem Einfluß der Behörden entzogen.

Rumpf (geb. 1900) übernahm 1941 das Organistenamt an der Evang. Stadtkirche und zog den Bachchor für seine Aufführungen nach. In den acht Kriegs- und Nachkriegsjahren 1939-1947 führte er 28 große Vokalwerke auf, sein Beitrag gegen politischen Ungeist und Lebensnot. Vier Konzerte gab er in der St. Stephanskirche, die, wie die Stadtkirche, 1944 der Zerstörung anheimfiel. 1945 wurde in der Markuskirche musiziert, danach in der notdürftig hergerichteten Christuskirche. Nach dem Wiederaufbau der Evang. Stadtkirche 1958 kehrten Rumpf und der Bachchor zurück. Die Bischofskirche am Marktplatz wurde dem Bachchor zur Heimat. Der frühere Kirchenchor, 1878 als »Verein für evang. Kirchenmusik« gegründet, war stark geschrumpft und gealtert; er konnte nicht mehr lange tätig sein.

Völlig überraschend starb Rumpf 1964. Nach einstimmiger Wahl trat der Rumpf-Schüler und ehemalige Bachchorsänger Karlheinz Schmidt (geb. 1934 in Karlsruhe) die Nachfolge in der Chorleitung an. Schmidt war Gymnasiallehrer und A-Kirchenmusiker, er übernahm auch die Stelle des Organisten. In den 31 Jahren der Chorleitung hat Schmidt den Bachchor in 71 Konzerten dirigiert; 43 verschiedene Chorwerke aus Barock bis Spätromantik insgesamt 99 Mal aufgeführt. Der Chor wuchs nach außen und nach innen. Ein zerlegbares Chorpodest zur Aufstellung im Altarvorraum löste das Engeproblem auf der Orgelempore und brachte die Musizierenden in den Blick des Publikums. Mit einer Stärke von rund 100 Personen nahm der Bachchor an zehn Konzerten des Badischen Staatstheaters unter GMD Prick teil (8.Sinfonie von Mahler, Brahms-Requiem). Gesungen wurde auch auswärts, in Offenburg und Nancy, in Baden-Baden und Grünwettersbach. An den Bunten Abenden im Gemeindehaussaal wirkte der Chorfreund und -förderer, der frühere Altstadt-Pfarrer Martin Held, mit. Schmidt gab 1995 aus Altersgründen die Chorleitung ab.

Anfang 1996 trat Christian-Markus Raiser, geb. 1962 und seit 1991 tätiger A-Kirchenmusiker, die Hauptstelle an der Stadtkirche an. Der Bachchor hatte für ihn als Chorleiter gestimmt. Raiser kam zu Beginn einer neuen Selbstdarstellung der Stadtkirche in der Öffentlichkeit als »Kirche in der City«, die mit einem lebendigen Kulturprogramm der Verkündigung den Weg öffnen und auch für die Säkularen eine gewisse Tradition und Prägung christlicher Kultur aufrechterhalten will.
Dies drückt sich auch in einem breit gefächerten musikalischen Angebot aus, an dem der Bachchor seinen Teil übernimmt. Er ist gewiß kein Kirchenchor im üblichen Sinn, seine Mitglieder kommen aus verschiedenen Stadtteilen und aus dem Umland. Sie finden ihr gemeinschaftbildendes Interesse in der Liebe zu anspruchsvoller geistlicher Musik und deren Ausübung. Der Bachchor nutzt die kirchlichen Einrichtungen für Proben und Konzerte, dient andererseits der genannten kulturellen Aufgabe und trägt zur musikalischen Gestaltung der Gottesdienste bei.

(Diether W. Plesch)

Eine schön gestaltete, informative und interessante Festschrift ist zu beziehen über das Kantorat der Stadtkirche Karlsruhe, Kreuzstr. 13, 76133 Karlsruhe. christian.raiser@inka.de

    nach oben